Musik in Ketten … oder was heißt das?

Signal Chain, Effects Chain, Sidechain, Chain of Title – in der Musikbranche hängt erstaunlich viel aneinander. Manches klingt gut. Manches kostet Geld. Und manches lässt einen sehr schnell nach einem Anwalt suchen.

Musik in Ketten … oder was heißt das?

Musik ist Freiheit.
Musik kennt keine Grenzen.
Musik sprengt Ketten.

Sagt man jedenfalls. In der Musikbranche sieht die Sache etwas anders aus. Hier gibt es Signal Chains, Effects Chains, Sidechains, Master Chains und – wenn es richtig ernst wird – eine Chain of Title.

Willkommen bei Musik in Ketten.

Keine Sorge: Wir erklären alles. Und nein, wir werden Sie nicht mit einer Blockchain erschlagen. Zumindest noch nicht.

Die Signal Chain

Fangen wir harmlos an. Eine Signal Chain ist schlicht der Weg, den ein Audiosignal durch verschiedene Geräte oder Verarbeitungsschritte nimmt. Gitarre → Pedal → Verstärker → Mikrofon → Mischpult.

Oder im Studio: Mikrofon → Preamp → Interface → Software → Effekt → Ausgang.

Das Signal wandert also von Station zu Station. Wie eine Kette.

Und wie bei jeder Kette gilt: Wenn irgendwo ein Glied nicht funktioniert, funktioniert die ganze Sache nicht. Manchmal ist dieses Glied ein kaputtes Kabel. Manchmal ein falsch eingestellter Preamp.

Und manchmal sitzt es vor dem Mischpult und sagt: „Bei mir kommt irgendwie gar kein Signal an.“

Die Effects Chain

Jetzt wird es kreativer. Eine Effects Chain beschreibt die Reihenfolge, in der Effekte auf ein Audiosignal angewendet werden.

Nehmen wir eine Stimme.

Erst EQ.

Dann Kompressor.

Dann vielleicht De-Esser.

Dann Reverb.

Dann Delay.

Oder alles andersherum. Denn Musikproduktion wäre ja viel zu einfach, wenn es dafür eine einzige richtige Reihenfolge gäbe. Die Reihenfolge kann nämlich den Klang erheblich verändern.

Ein bisschen wie beim Kochen. Man kann erst würzen und dann kochen. Man kann aber auch versuchen, den Pfeffer nach dem Servieren wieder aus der Suppe zu fischen.

Beides ist theoretisch möglich. Nur eines davon ist empfehlenswert.

Die Sidechain

Jetzt kommen wir zur elektronischen Musik. Sidechain Compression klingt zunächst komplizierter, als es ist. Vereinfacht gesagt sorgt dabei ein Signal dafür, dass ein anderes Signal leiser wird.

Der Klassiker: Kick und Bass. Wenn die Kickdrum kommt, wird der Bass für einen kurzen Moment etwas heruntergeregelt.

Kick rein.
Bass macht Platz.
Kick vorbei.
Bass wieder da.

Und plötzlich pumpt der Track schön im Takt.

Man könnte auch sagen:

Der Kick sagt zum Bass: „Du gehst jetzt kurz zur Seite.“
Der Bass fragt: „Warum?“
Der Kick: „Weil ich hier der Chef bin.“

Das Ganze funktioniert natürlich auch mit anderen Signalen und für ganz andere Effekte. Aber in der elektronischen Musik ist die Sidechain vermutlich eine der bekanntesten Ketten überhaupt.

Die Master Chain

Und dann hätten wir noch die Master Chain.

Damit ist die Kette von Bearbeitungen gemeint, die auf dem Masterkanal eines Tracks liegt – also vereinfacht gesagt auf dem Signal, in dem am Ende alles zusammenläuft.

EQ, Kompression, Limiting und andere Bearbeitung können hier zum Einsatz kommen. Das ist der Moment, in dem man aus einem fertigen Mix noch einmal das Maximum herausholen möchte. Oder glaubt, das Maximum herausholen zu müssen.

Denn manchmal lautet die Produktionsphilosophie: Wenn es nicht laut genug ist, machen wir es lauter. Und wenn es dann verzerrt: Noch lauter.

Willkommen bei der Master Chain.

Daisy Chain

Eine Daisy Chain bezeichnet eine Verbindung, bei der mehrere Geräte oder Komponenten hintereinander angeschlossen werden.

Ein Gerät hängt am nächsten. Das nächste am nächsten. Und so weiter.

Sehr praktisch.

Bis irgendwo in der Kette jemand den Stecker zieht. Dann verwandelt sich die Daisy Chain in eine sehr effektive Alles-aus-Kette. Technisch ist das Prinzip übrigens nicht immer ideal. Je nach Equipment, Stromversorgung und Signalart kann eine solche Verkettung Probleme verursachen.

Was uns zu einer wichtigen Erkenntnis führt: Nur weil man Dinge miteinander verbinden kann, heißt das noch lange nicht, dass man es sollte. 

Ein Satz, der erstaunlich gut auf die gesamte Musikbranche passt.

Und jetzt wird es ernst: Chain of Title

Bis hierhin waren unsere Ketten technisch.

Jetzt wird es finanziell. Eine Chain of Title beschreibt die nachvollziehbare Kette von Eigentums- und Nutzungsrechten an einem Werk oder einer Aufnahme.

Also vereinfacht: Wer hat was geschaffen?
Wem gehören die Rechte?
Wer hat welche Rechte übertragen?
Und durfte diese Person das überhaupt?

Das klingt zunächst ungefähr so aufregend wie eine Steuererklärung. Bis jemand deinen Song für einen Film, eine Serie oder Werbung lizenzieren möchte und plötzlich niemand genau weiß, wem eigentlich welche Rechte gehören.

Dann wird es sehr schnell spannend. Denn eine lückenhafte Rechtekette kann einen Deal massiv erschweren. Plötzlich ist die Kette nicht mehr nur ein hübsches Bild. Sie wird zum Problem. Und manchmal sogar zum Grund, warum ein Projekt erst einmal auf Eis gelegt wird.

Blockchain: die Kette, die alles retten sollte

Natürlich darf bei diesem Thema ein Begriff nicht fehlen: Blockchain.

Schon der Name klingt, als hätte jemand die perfekte Lösung gefunden. Eine Kette. Nur digital.
Die Idee: Rechte, Transaktionen und andere Informationen könnten transparent und nachvollziehbar gespeichert werden. Für die Musikbranche klang das lange nach einer möglichen Revolution.

Endlich könnten Rechte sauber dokumentiert werden. Endlich könnte nachvollziehbar sein, wem ein Song gehört. Endlich könnten Künstler vielleicht transparenter bezahlt werden. Endlich würde alles funktionieren.

Theoretisch.
Denn dann kam die Realität.
Und die Realität sagte: „Moment. Wer trägt denn jetzt die richtigen Daten ein?“

Denn auch die schönste Blockchain kann nicht verhindern, dass am Anfang jemand falsche oder unvollständige Informationen eingibt.

Garbage in, garbage out.

Oder, musikbranchenfreundlich formuliert: Wenn die Rechtekette am Anfang schon kaputt ist, macht eine digitale Kette sie nicht automatisch heil.

Was lernen wir daraus?

Es gibt also erstaunlich viele Ketten in der Musik.

Die Signal Chain sorgt dafür, dass dein Signal irgendwo ankommt.
Die Effects Chain verändert seinen Klang.
Die Sidechain sorgt dafür, dass sich bestimmte Elemente nicht gegenseitig auf die Füße treten.
Die Master Chain versucht, aus dem fertigen Mix noch etwas herauszuholen.
Die Daisy Chain verbindet Dinge miteinander.
Und die Chain of Title soll sicherstellen, dass am Ende überhaupt klar ist, wem was gehört.
Und dann gibt es noch die Blockchain.
Die wollte eigentlich alles einfacher machen. Natürlich.

Die Moral von der Kette

Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis aber eine andere: Nicht jede Kette ist schlecht.

In der Musikproduktion sind Ketten völlig normal. Sie helfen dabei, aus einem einzelnen Signal am Ende einen fertigen Song zu machen. Auch bei Rechten ist eine nachvollziehbare Kette etwas Gutes. Das Problem beginnt erst, wenn niemand mehr weiß, welches Glied eigentlich wofür zuständig ist.

Und spätestens wenn jemand sagt: „Keine Ahnung, wem der Song gehört. Aber wir können ihn ja trotzdem veröffentlichen.“
…sollte man vielleicht nicht mehr den Tontechniker rufen. Sondern einen Anwalt.

Musik ist Freiheit. Aber ein bisschen Ordnung in der Kette kann nicht schaden.

Sonst hängt am Ende wirklich alles an einem seidenen Faden.

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