Was passiert, wenn Streamingdienste neu definieren, wer Tantiemen bekommt?

Die Musikbranche steht vor einer neuen Grundsatzfrage: Ist ein KI-generierter Song ein vollwertiges Werk – und wenn ja, wie soll er vergütet werden?

Was passiert, wenn Streamingdienste neu definieren, wer Tantiemen bekommt?

Die Musikbranche steht vor einer neuen Grundsatzfrage: Ist ein KI-generierter Song ein vollwertiges Werk – und wenn ja, wie soll er vergütet werden?

Millionen Songs entstehen inzwischen mit generativer KI. Manche sind aufwendig kuratiert und bearbeitet, andere entstehen innerhalb weniger Minuten aus einem Textprompt. Für Hörer ist dabei oft kaum zu erkennen, was hinter einem Track steckt. Und genau hier beginnt eine Diskussion, die für die gesamte Musikbranche immer wichtiger wird: Wer soll eigentlich bezahlt werden, wenn eine KI einen Song erstellt?

Die großen Streamingplattformen beginnen darauf unterschiedliche Antworten zu geben. Und diese Antworten könnten die Zukunft der KI-Musik entscheidend prägen.

TIDAL zieht die Grenze

Im Sommer 2026 hat TIDAL eine neue KI-Richtlinie eingeführt.

Die Plattform erlaubt KI-generierte Musik grundsätzlich weiterhin. Gleichzeitig werden vollständig KI-generierte Tracks gekennzeichnet – und sie sind nicht für Tantiemen berechtigt. TIDAL begründet diesen Schritt unter anderem damit, dass Vergütungen auf Originalwerke konzentriert werden sollen, die direkt von Menschen geschaffen, geschrieben und performt wurden. (Music on TIDAL)

Das ist ein bemerkenswerter Schritt. Denn damit lautet die Botschaft nicht: „KI-Musik darf nicht auf unsere Plattform.“

Sondern: „Du darfst sie veröffentlichen – aber wir vergüten sie nicht auf dieselbe Weise.“

Und genau diese Unterscheidung könnte noch wichtiger werden.

Denn TIDAL schreibt ausdrücklich, dass die aktuellen Maßnahmen zunächst auf vollständig KI-generierte Inhalte konzentriert sind. Wenn die Erkennungstechnologie zuverlässiger wird, könnten die Maßnahmen auf Inhalte ausgeweitet werden, die wesentlich durch KI erzeugt wurden. (TIDAL Support) Die Entwicklung ist also ausdrücklich offen.

Der nächste Schritt könnte größer werden

Heute geht es um 100 Prozent KI.

Morgen vielleicht um 80 Prozent.

Oder 50 Prozent.

Oder um eine ganz andere Definition davon, wie viel menschliche Kreativität notwendig ist, damit ein Werk als menschlich geschaffen gilt. Genau hier liegt eine der spannendsten Fragen der kommenden Jahre. Denn was ist mit einem Song, bei dem ein Mensch die Idee entwickelt, die Texte schreibt, Arrangements vorgibt, mehrere KI-Generationen auswählt, einzelne Instrumente ersetzt, Vocals bearbeitet, den Mix erstellt und anschließend aus dutzenden Versionen den finalen Track produziert?

Ist das „KI-Musik“?

Oder ist KI hier schlicht ein weiteres Werkzeug?

Die Antwort darauf wird nicht nur philosophisch interessant sein. Sie könnte bares Geld wert sein.


Deezer geht einen anderen Weg

Deezer zeigt bereits, wie stark sich der Umgang mit KI-Musik verändern kann.

Das Unternehmen erkennt und kennzeichnet vollständig KI-generierte Musik und nimmt sie aus algorithmischen Empfehlungen und redaktionellen Playlists heraus. Im Juli 2026 meldete Deezer, dass KI-generierte Tracks zeitweise mehr als die Hälfte aller täglichen Neueinlieferungen ausmachten – rund 90.000 KI-Tracks pro Tag. (Deezer Newsroom)

Gleichzeitig berichtet Deezer, dass vollständig KI-generierte Musik zwar nur etwa 1 bis 3 Prozent der gesamten Streams ausmacht, aber ein sehr großer Teil dieser Streams mit Streaming-Betrug in Verbindung gebracht wird. Diese Streams werden aus den Royalty-Berechnungen entfernt. Damit verschiebt sich die Diskussion. Es geht jetzt um: „Wie verhindern wir, dass eine Flut automatisiert erzeugter Tracks das Vergütungssystem verändert?“

Spotify versucht es mit Transparenz

Spotify verfolgt derzeit einen anderen Ansatz. Statt KI-Musik pauschal aus der Vergütung auszuschließen, testet Spotify sogenannte AI Credits. Dabei können einzelne Bestandteile eines Songs als KI-generiert gekennzeichnet werden – beispielsweise Lyrics, Vocals, Instrumente oder Produktion. (Spotify)

Das ist interessant, weil dadurch nicht zwangsläufig die gesamte Entstehung eines Songs in die Kategorie „KI“ fällt. Ein Track kann menschliche und KI-basierte Bestandteile enthalten. Und vielleicht ist genau diese Betrachtung der Realität näher. Denn die Musikproduktion war schon immer eine Mischung aus Werkzeugen, Technologien und menschlicher Kreativität.

Die eigentliche Frage lautet: Was ist ein AI-Musiker?

Vielleicht müssen wir deshalb einen Schritt zurückgehen. Der Begriff „KI-Musik“ ist inzwischen viel zu grob. Er kann einen Song beschreiben, der vollständig auf Knopfdruck generiert wurde. Aber genauso einen Track, bei dem ein Musiker KI lediglich als Werkzeug verwendet. Dazwischen liegt eine riesige Bandbreite. Und genau diese Bandbreite wird in Zukunft wahrscheinlich eine immer größere Rolle spielen. Denn ein Künstler, der KI als Instrument verwendet, ist etwas anderes als ein automatisiertes System, das zehntausende Tracks erzeugt und diese anschließend massenhaft auf Streamingplattformen verteilt. Beide nutzen KI. Aber die kreative Leistung dahinter kann völlig unterschiedlich sein.

Was passiert, wenn Plattformen weitergehen?

Eine spannende – und derzeit hypothetische – Frage ist deshalb: Was wäre, wenn TIDAL oder andere Streamingdienste irgendwann nicht mehr nur vollständig KI-generierte Musik von Tantiemen ausschließen, sondern KI-Musik grundsätzlich nicht mehr auf ihren Plattformen zulassen?

Das wäre ein radikaler Schritt. Und aktuell gibt es bei TIDAL keine entsprechende allgemeine Verbotsregel. Im Gegenteil: TIDAL erklärt ausdrücklich, dass KI-generierte Musik grundsätzlich auf der Plattform erlaubt ist, sofern sie die geltenden Richtlinien erfüllt. Aber die Richtung der Debatte zeigt, warum ein solches Szenario zumindest diskutiert werden kann.

Je besser KI-Erkennung wird.

Je größer die Zahl synthetischer Uploads wird.

Je mehr Streaming-Betrug mit KI-Tracks verbunden wird.

Und je stärker menschliche Artists ihre Vergütungsmodelle bedroht sehen. könnte der Druck auf Plattformen steigen, die Regeln weiter zu verschärfen. Ob daraus tatsächlich ein komplettes Verbot entsteht? Das weiß heute niemand. Aber die Branche hat begonnen, die Spielregeln neu zu schreiben.

Die Branche steht erst am Anfang

TIDAL, Deezer und Spotify zeigen bereits drei unterschiedliche Wege:

Ausschluss aus der Vergütung.
Kennzeichnung und Begrenzung der Sichtbarkeit.
Transparenz über einzelne KI-Bestandteile.

Und wahrscheinlich wird keiner dieser Ansätze die endgültige Lösung sein. Die Technologie entwickelt sich zu schnell. Die Erkennung wird besser. Die Produktionsmöglichkeiten werden größer. Und gleichzeitig entstehen neue Fragen rund um Urheberrecht, Vergütung, Identität und kreative Leistung. Was heute als „100 % KI“ gilt, kann morgen schon viel schwieriger zu definieren sein.

Vielleicht braucht die Musikbranche deshalb eine neue Kategorie

Nicht: Mensch oder KI.

Sondern: Wer hat was geschaffen – und welchen kreativen Beitrag hat jeder Beteiligte geleistet?

Diese Frage könnte am Ende wichtiger sein als die Frage, ob irgendwo im Produktionsprozess künstliche Intelligenz verwendet wurde. Denn KI wird vermutlich nicht wieder aus der Musik verschwinden. Die entscheidende Frage ist vielmehr:

Wie schaffen wir ein System, in dem menschliche Kreativität und neue Technologien nebeneinander existieren können – ohne dass das eine vom anderen verdrängt wird?

Die Antwort darauf wird die nächste Phase der Musikbranche mitbestimmen. Und vielleicht beginnt sie gerade erst.

Die Zukunft der Musik ist nicht nur eine Frage der Technologie.

Sie ist eine Frage der Regeln. Und diese Regeln werden gerade neu geschrieben.



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