KI-Musik: Warner und Suno wollen Künstler erstmals für „Creations“ bezahlen

Warner Music sieht in KI-Musik nicht mehr nur eine Bedrohung für bestehende Rechte, sondern eine mögliche neue Einnahmequelle für Künstler und Songwriter.

KI-Musik: Warner und Suno wollen Künstler erstmals für „Creations“ bezahlen

Die Partnerschaft mit Suno könnte damit einen grundlegenden Wandel einleiten: Bezahlt wird künftig nicht nur für das Hören eines Songs, sondern auch für seine Nutzung als kreativer Baustein.

Die vielleicht wichtigste Aussage rund um den Start von Sunos neuer v6-Modellfamilie war nicht die Frage, ob die KI jetzt bessere Songs erzeugt. Sie kam von Warner-Music-Chef Robert Kyncl.

Kyncl spricht von einer neuen Form der Monetarisierung: „creation-based“ revenue. Künstler und Songwriter sollen demnach nicht nur dann Geld verdienen, wenn ihre Musik von Menschen gehört oder gekauft wird. Sie könnten künftig auch daran beteiligt werden, wenn ihre Werke beziehungsweise lizenzierte musikalische Inhalte zur Grundlage neuer KI-generierter Kreationen werden. Axios

Das klingt zunächst wie eine kleine Änderung im Lizenzmodell. Tatsächlich steckt darin aber möglicherweise eine der wichtigsten Ideen für die Zukunft der Musikindustrie.

Das bisherige Geschäftsmodell basiert auf Konsum

Das klassische Musikgeschäft ist relativ einfach aufgebaut. Ein Künstler nimmt einen Song auf. Ein Label veröffentlicht ihn. Ein Streamingdienst spielt ihn. Ein Fan hört ihn. Dafür fließt Geld zurück an die verschiedenen Rechteinhaber. Ob Spotify, Apple Music, YouTube oder physische Tonträger: Im Mittelpunkt steht immer der Konsum eines bestehenden Werkes. Generative KI verändert diesen Mechanismus.

Bei einem KI-Musikgenerator ist der Nutzer nicht mehr nur Hörer. Er wird selbst zum Produzenten – zumindest in gewissem Umfang. Er beschreibt einen Song, verändert Arrangement und Instrumentierung, lässt Varianten erzeugen und kombiniert möglicherweise unterschiedliche musikalische Elemente. Das Ergebnis ist eine neue Kreation. Was passiert, wenn ein Künstler nicht nur gehört, sondern kreativ weiterverwendet wird? Genau hier setzt das Konzept der „creation-based“ Einnahmen an.

Suno versucht, aus diesem Problem ein Geschäftsmodell zu machen

Suno hat Anfang September seine neue v6-Modellfamilie vorgestellt. Die Modelle wurden gemeinsam mit Warner Music Group und BMG entwickelt und verwenden lizenzierte Musik. Believe beziehungsweise TuneCore ist ebenfalls Teil der neuen Partnerschaftsstruktur. Die bisherigen Suno-Modelle sollen durch die neue Generation ersetzt werden. Der entscheidende Unterschied zur bisherigen Generation ist nicht nur technischer Natur.

Die Beziehung zwischen KI-Unternehmen und Musikindustrie wird neu definiert.

Statt sich ausschließlich darüber zu streiten, ob ein KI-Unternehmen geschützte Musik zum Training verwenden darf, wird versucht, einen kontrollierten Lizenzmarkt aufzubauen.

Die Rechteinhaber stellen Kataloge und andere lizenzierte Inhalte zur Verfügung. Das KI-Unternehmen baut daraus ein Produkt. Und ein Teil der daraus entstehenden Einnahmen soll an die Rechteinhaber zurückfließen.

Die konkreten finanziellen Bedingungen wurden bislang nicht vollständig veröffentlicht. Suno spricht jedoch ausdrücklich von Revenue Sharing mit beteiligten Rechteinhabern.

Der entscheidende Schritt: Vom Song zur kreativen Ressource

Hier wird das Modell interessant. Nehmen wir an, ein Künstler hat einen erfolgreichen Song veröffentlicht. Im traditionellen Streamingmodell verdient der Künstler beziehungsweise der Rechteinhaber, wenn dieser Song gestreamt wird. Im neuen Modell könnte derselbe Katalog zusätzlich als kreative Ressource lizenziert werden.

Ein Nutzer könnte beispielsweise einen neuen Song erzeugen, der auf einem lizenzierten musikalischen Katalog basiert – nicht unbedingt als Kopie eines bestehenden Liedes, sondern als Bestandteil eines kontrollierten KI-Systems. Der Rechteinhaber würde dann nicht nur für die Nutzung des fertigen Originals bezahlt. Er würde an der kreativen Nutzung seines Katalogs durch die KI beteiligt. Das ist der Kern von „creation-based revenue“.

Und genau hier könnte ein komplett neuer Markt entstehen.

Künstler werden vom Content zum Input

Das verändert die Rolle des Musikers. Bislang ist ein Künstler in erster Linie Urheber und Interpret eines fertigen Werkes. In einem KI-Ökosystem kann sein Katalog zusätzlich als Trainings-, Inspirations- oder Produktionsressource dienen – vorausgesetzt, diese Nutzung ist entsprechend lizenziert. Das bedeutet: Ein erfolgreicher Song könnte möglicherweise zweimal wirtschaftlich relevant sein. Einmal als fertige Aufnahme. Und ein weiteres Mal als Teil eines lizenzierten kreativen Systems.

Das erinnert in gewisser Weise an Sampling. Nur dass die technische Ebene wesentlich größer wird. Beim klassischen Sampling wird ein konkreter Ausschnitt eines Songs verwendet. Bei generativer KI geht es dagegen um größere musikalische Zusammenhänge: Klang, Arrangement, Stilmerkmale, Strukturen und möglicherweise weitere Eigenschaften eines Katalogs. Genau deshalb ist die Frage der Vergütung so wichtig.

Von „AI gegen Künstler“ zu „AI mit Künstlern“

Das ist möglicherweise die größere Geschichte hinter dem Suno-Warner-Deal. Die Musikindustrie hat KI zunächst vor allem als Risiko betrachtet. Werden Songs ohne Erlaubnis zum Training verwendet? Kann eine KI die Stimme eines Künstlers imitieren? Wer besitzt die Rechte an einem KI-generierten Ergebnis?

Und wie verhindert man, dass Plattformen mit Millionen automatisch erzeugter Songs den Streamingmarkt überschwemmen?

Die neue Strategie lautet zunehmend: Wenn KI ohnehin kommt, müssen Künstler und Rechteinhaber an der Wertschöpfung beteiligt werden.

Suno bezeichnet die neue Zusammenarbeit mit der Musikindustrie entsprechend als Modell für eine andere Form der Kooperation. Die neuen Produkte sollen außerdem perspektivisch stärker auf freiwillige Teilnahme („opt-in“) von Künstlern setzen. Das ist ein entscheidender Unterschied.

Aber: Wer bekommt das Geld?

Hier liegt eine der schwierigsten Fragen. Ein Song besteht nicht nur aus einem Namen. Es gibt Komponisten, Textautoren, Interpreten, Produzenten, Labels und Verlage. Dazu kommen je nach Nutzung unterschiedliche Rechte an Aufnahme und Komposition. Wenn eine KI mit einem Katalog arbeitet, muss deshalb geklärt werden, welche Art von Nutzung vergütet wird und wie die Einnahmen verteilt werden.

Ein einfaches „Der Künstler bekommt einen Anteil“ reicht dafür nicht aus. Es braucht transparente Regeln. Was ist eine KI-Generation wert?

Wie stark muss ein konkreter Katalog an einer Generation beteiligt sein?

Wird pro Erstellung bezahlt?

Pro Nutzer?

Pro Song?

Oder abhängig von den Einnahmen, die mit dem generierten Werk entstehen?

Noch ist keine allgemeingültige Antwort darauf etabliert. Genau deshalb ist „creation-based revenue“ derzeit vor allem eine Richtung, noch kein vollständig ausdefiniertes Industriestandard-Modell.

Das könnte für die Musikindustrie größer werden als ein einzelner Suno-Deal

Der vielleicht wichtigste Punkt ist deshalb nicht Suno selbst. Es geht um die Frage, ob sich ein neuer Lizenzmarkt entwickelt. Und erste Anzeichen dafür gibt es bereits.

Universal Music Group und ElevenLabs haben beispielsweise eine mehrjährige Zusammenarbeit angekündigt, bei der Nutzer künftig Songs aus einem lizenzierten UMG-Katalog remixen, mashen und neu interpretieren können. Künstler sollen daran freiwillig teilnehmen können. Damit zeichnet sich ein Muster ab:

Labels liefern lizenzierte Kataloge.

KI-Unternehmen liefern die Technologie.

Fans und Creator liefern die Nachfrage.

Künstler und Rechteinhaber erhalten einen Anteil an der entstehenden Wertschöpfung.

Das ist ein grundsätzlich anderes Modell als die erste Generation der KI-Musikplattformen.

Der entscheidende Unterschied zu den alten KI-Modellen

Die erste Phase der KI-Musik war von einem Konflikt geprägt. KI-Unternehmen wollten möglichst große Musikmengen für das Training verwenden. Rechteinhaber wollten wissen, woher diese Musik stammt und ob sie dafür bezahlt werden.

Suno selbst steht exemplarisch für diesen Übergang. Das Unternehmen hat inzwischen neue, lizenzierte Modelle vorgestellt, während die rechtlichen Auseinandersetzungen über die frühere Modellgeneration weiter eine Rolle spielen. Die neue Strategie versucht, diesen Konflikt wirtschaftlich aufzulösen.

Was könnte daraus für unabhängige Künstler entstehen?

Für große Labels ist das Modell vergleichsweise einfach. Sie besitzen umfangreiche Kataloge und können Lizenzverträge mit KI-Unternehmen abschließen. Für unabhängige Künstler könnte es langfristig sogar noch spannender werden.

Wenn Plattformen tatsächlich beginnen, einzelne Künstler freiwillig in KI-Produkte zu integrieren, könnte erstmals ein direkter Markt für die Lizenzierung musikalischer Identität und kreativer Eigenschaften entstehen.

Ein Künstler könnte dann theoretisch selbst entscheiden:

  • Welche Aufnahmen dürfen verwendet werden?

  • Darf meine Stimme synthetisiert werden?

  • Darf mein musikalischer Stil als Bestandteil eines KI-Produkts dienen?

  • Welche Arten von Kreationen sind erlaubt?

  • Wie hoch ist meine Vergütung?

  • Darf ich die Lizenz jederzeit zurückziehen?

Das wäre eine wesentlich granularere Form von Musikrechten als das heutige Streamingmodell.

Die große offene Frage: Kann daraus ein fairer Markt werden?

Genau hier sollte man vorsichtig bleiben. Die neuen Partnerschaften sind ein wichtiger Schritt, aber sie lösen nicht automatisch alle Probleme. Künstler müssen verstehen können, was sie lizenzieren.

Sie müssen nachvollziehen können, wie ihre Vergütung berechnet wird. Und sie müssen eine echte Wahl haben, ob sie teilnehmen möchten. Außerdem bleibt die Frage, wie mit den zahllosen Künstlern und Aufnahmen umgegangen wird, die nicht Teil solcher Lizenzkataloge sind.

Eine Welt, in der nur die drei großen Major-Labels Zugang zu lukrativen KI-Lizenzen haben, wäre etwas völlig anderes als ein offener Markt für Künstler. Die entscheidende Herausforderung wird deshalb Transparenz sein.

Der mögliche Paradigmenwechsel

Vielleicht wird die wichtigste Veränderung der KI-Musik deshalb nicht darin bestehen, dass Maschinen bessere Songs produzieren. Vielleicht besteht sie darin, was wir überhaupt als musikalische Nutzung betrachten.

Streaming hat Musik vom Besitz zum Zugriff verändert. Social Media hat Musik vom fertigen Werk zum Bestandteil von Posts, Videos und Memes gemacht. Generative KI könnte Musik nun vom fertigen Werk zur kreativen Infrastruktur machen.

Ein Song wäre dann nicht mehr nur etwas, das man hört. Er könnte gleichzeitig etwas sein, mit dem eine KI neue Musik erzeugt. Und genau dafür könnte künftig bezahlt werden. Das wäre der eigentliche Sinn von „creation-based revenue“.

Der nächste große Wettbewerb beginnt gerade

Suno und Warner testen damit möglicherweise ein Geschäftsmodell, das weit über ihre eigene Partnerschaft hinausgeht. Universal und ElevenLabs gehen in eine ähnliche Richtung. Weitere KI-Unternehmen und Rechteinhaber dürften folgen. Noch ist nicht klar, welches Modell sich durchsetzen wird. Aber die Richtung ist erkennbar: Die Musikindustrie versucht, KI nicht länger nur zu kontrollieren, sondern zu monetarisieren.

Und für Künstler könnte das eine entscheidende Frage aufwerfen: „Kann meine Musik ein Teil der KI-Wertschöpfung werden – und bekomme ich dafür einen fairen Anteil?“

Wenn die Antwort darauf tatsächlich „ja“ lautet, könnte 2026 rückblickend als das Jahr gelten, in dem aus dem Konflikt zwischen Musikindustrie und KI erstmals ein echtes Geschäftsmodell entstanden ist.



Teilen

Was ist Ihre Reaktion?

Gefällt mir Gefällt mir 1
Gefällt mir nicht Gefällt mir nicht 0
Liebe Liebe 0
Lustig Lustig 0
Wütend Wütend 0
Traurig Traurig 0
Wow Wow 0