Fight the Fake: Der Kampf gegen Streaming Fraud

Streaming Fraud ist kein neues Phänomen. Schon lange bevor generative KI Musik in industriellem Maßstab produzieren konnte, versuchten Betrüger, das Streaming-System auszunutzen: mit Bot-Netzwerken, sogenannten Streaming Farms, gekauften Accounts oder künstlich erzeugten Playlist-Plays.

Fight the Fake: Der Kampf gegen Streaming Fraud

Das Prinzip ist simpel: Je mehr Streams ein Song generiert, desto größer ist grundsätzlich sein Anteil an den Ausschüttungen der Streamingdienste. Mit KI bekommt dieses Geschäftsmodell allerdings eine neue Dimension. Musik lässt sich heute praktisch ohne Produktionskosten in riesigen Mengen erzeugen. Gleichzeitig können Bots die Titel automatisiert abspielen. Aus einem einzelnen Betrugsfall kann so ein industrieller Prozess werden: KI produziert den Content, Bots erzeugen die Streams und die daraus resultierenden Ausschüttungen werden abgeschöpft.

Wie groß das Problem inzwischen ist, lässt sich an den Zahlen von Deezer ablesen. Der französische Streamingdienst meldete im Sommer rund 90.000 vollständig KI-generierte Tracks pro Tag – mehr als die Hälfte aller täglichen Uploads. Gleichzeitig waren nach Angaben von Deezer bis zu 85 Prozent der Streams vollständig KI-generierter Musik im Jahr 2025 betrügerisch.  

Branchenvertreter gehen inzwischen davon aus, dass nahezu zehn Prozent aller Musikstreams betrügerisch sein könnten. Die genaue Größenordnung ist allerdings schwer zu bestimmen, weil Streaming Fraud bewusst darauf ausgelegt ist, nicht erkannt zu werden.

Warum das für die gesamte Branche ein Problem ist

Streaming Fraud ist mehr als ein Problem einzelner Künstler. Das Geld für Fake-Streams stammt aus demselben Vergütungssystem wie die Einnahmen legitimer Musik. Werden Millionen künstlicher Streams erzeugt, fließt entsprechend Geld in Richtung der Betrüger, während der Anteil anderer Künstler am verfügbaren Royalty Pool sinkt.

Hinzu kommt die Verzerrung von Charts und Empfehlungsalgorithmen. Künstlich erzeugte Aufmerksamkeit kann Songs in Playlists oder Rankings bringen und damit wiederum echte Hörer erreichen. Fraud kann sich dadurch selbst verstärken. Für die Streamingdienste steht außerdem ihre Glaubwürdigkeit auf dem Spiel: Wenn Nutzer, Künstler und Labels den Eindruck gewinnen, dass Charts und Empfehlungen manipuliert werden können, leidet das Vertrauen in das gesamte Ökosystem.

Der Angriff beginnt inzwischen schon beim Distributor

Genau hier setzt die neue Streaming Integrity Initiative (SII) der IFPI an. Sie soll Streaming Fraud nicht erst bekämpfen, wenn die Musik bereits auf Spotify, Apple Music oder Deezer angekommen ist, sondern bereits beim Upload.

Die Initiative definiert fünf grundlegende Maßnahmen für Musikdistributoren:

  • Identität der Kunden und Rechteinhaber überprüfen („Know Your Customer“).

  • Uploads auf Urheberrechtsverletzungen, Betrug und KI-bezogene Risiken prüfen.

  • Verdächtige Aktivitäten untersuchen und gegen wiederholte Täter vorgehen.

  • Informationen über Betrugsfälle – soweit rechtlich möglich – zwischen Unternehmen teilen.

  • Die eigenen Anti-Fraud-Systeme kontinuierlich weiterentwickeln.

24 Unternehmen und Verbände haben sich der Initiative zunächst angeschlossen, darunter Universal Music Group, Sony Music, Warner Music, HYBE, Merlin und mehrere große Distributoren.  

Bemerkenswert ist allerdings auch, wer bislang fehlt: DistroKid hat die Initiative noch nicht unterzeichnet. Das ist relevant, weil der Distributor nach eigenen Angaben rund 40 Prozent der weltweit neu veröffentlichten Musik für mehr als vier Millionen Künstler ausliefert. Auch TuneCore, Believe und UnitedMasters gehören bislang nicht zu den Unterzeichnern.

Damit zeigt sich bereits eine der größten Schwachstellen des neuen Ansatzes: Die Initiative ist freiwillig. Es gibt bislang weder verpflichtende Audits noch Berichtspflichten oder Sanktionen für Unterzeichner, die die Standards nicht einhalten. 

Die Streamingdienste selbst rüsten auf

Parallel dazu verschärfen die Plattformen ihre eigenen Systeme. Deezer etwa versucht, KI-generierte Musik automatisch zu erkennen, verdächtige Streams aus dem Vergütungssystem herauszuhalten und betrügerische Inhalte zu entfernen. Die Plattform kennzeichnet KI-Musik zudem zunehmend transparent.

Auch die Distributoren stehen unter Druck. Sie müssen erkennen, wenn ein Kunde plötzlich tausende Tracks hochlädt, ungewöhnliche Streaming-Muster erzeugt oder wiederholt mit verdächtigen Inhalten auffällt. Und es geht nicht nur um Algorithmen. Ermittlungen und Strafverfahren werden ebenfalls wichtiger. In den vergangenen Monaten sind mehrere Fälle von groß angelegtem Streaming-Betrug strafrechtlich verfolgt worden. Die Botschaft der Branche ist damit klar: Fake-Streams sollen nicht mehr als Kavaliersdelikt behandelt werden, sondern als organisierter Betrug.

KI ist dabei nicht das eigentliche Problem

Interessant ist eine Unterscheidung: KI-Musik und Streaming Fraud sind nicht dasselbe. Ein vollständig mit KI produzierter Song kann vollkommen legitim sein. Ein menschlicher Künstler kann KI zur Produktion einsetzen, ein Label kann lizenzierte KI-Musik veröffentlichen und Nutzer können KI-Musik einfach hören.

Problematisch wird es dort, wo die extrem niedrigen Produktionskosten von KI mit künstlich erzeugten Streams kombiniert werden. Genau deshalb dürfte die Branche künftig stärker zwischen KI-Content und KI-basiertem Betrug unterscheiden müssen. Eine reine Kennzeichnungspflicht für KI-Musik löst das Fraud-Problem nicht.

Kann der Kampf erfolgreich sein?

Die Chancen stehen besser als noch vor einigen Jahren – aber ein vollständiger Sieg ist kaum realistisch. Die gute Nachricht: Die Branche verfügt inzwischen über wesentlich mehr Daten. Streamingdienste können Abspielmuster, Geräte, Accounts, geografische Daten und zeitliche Zusammenhänge analysieren. Verdächtige Netzwerke lassen sich dadurch wesentlich präziser identifizieren.

Außerdem entsteht erstmals ein stärker koordinierter Ansatz über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg. Wenn Labels, Distributoren und Streamingdienste Informationen über bekannte Betrüger austauschen, wird es schwieriger, nach einer Sperrung einfach bei einem anderen Anbieter neu zu starten. Genau dieses „Weiterziehen“ von Betrügern soll die IFPI-Initiative erschweren.  

Die schlechte Nachricht: Auch die Gegenseite wird besser. KI kann nicht nur Musik produzieren, sondern auch dabei helfen, Betrugssysteme zu automatisieren und Muster zu verändern. Sobald ein Erkennungssystem bestimmte Verhaltensweisen erkennt, können Betrüger versuchen, ihre Aktivitäten entsprechend anzupassen. Es entsteht damit ein klassischer Wettlauf zwischen Erkennung und Umgehung.

Der entscheidende Test kommt jetzt

Der vielleicht wichtigste Schritt der Musikbranche ist deshalb nicht ein einzelner KI-Detektor oder ein neuer Filter. Entscheidend wird sein, ob sich einheitliche Standards entlang der gesamten Lieferkette durchsetzen lassen. Wenn ein Distributor einen verdächtigen Account sperrt, dieser aber am nächsten Tag über einen anderen Anbieter wieder tausende Tracks hochladen kann, bleibt das Problem bestehen. Deshalb ist der Austausch von Informationen zwischen Distributoren, Labels und DSPs so wichtig.

Die Streaming Integrity Initiative ist dafür ein wichtiger Anfang. Ihre freiwillige Struktur zeigt aber gleichzeitig, wie schwierig die Aufgabe ist. Streaming Fraud wird sich wahrscheinlich nicht vollständig beseitigen lassen. Der realistischere Erfolg besteht darin, den Betrug deutlich teurer, schwieriger und weniger profitabel zu machen. Wenn die Branche es schafft, Fake-Streams schneller zu erkennen, die entsprechenden Einnahmen konsequent aus dem Royalty Pool zu entfernen und bekannte Täter über Plattformgrenzen hinweg zu blockieren, kann sie den wirtschaftlichen Anreiz erheblich reduzieren.

Und genau darum geht es am Ende: Nicht jede künstliche Wiedergabe verhindern zu können, sondern dafür zu sorgen, dass sich Betrug nicht mehr lohnt.
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Quellen:

IFPI / Streaming Integrity Initiative – Informationen zu den neuen Anti-Fraud-Standards und den fünf Grundprinzipien. 

Music Business Worldwide – zur Streaming Integrity Initiative, den teilnehmenden Unternehmen sowie der bislang fehlenden Beteiligung von DistroKid, TuneCore, Believe und UnitedMasters. 

Financial Times – zur Größenordnung von Streaming Fraud und der Schätzung, dass möglicherweise rund 10 % der Streams betrügerisch sind. (Schätzung)

Deezer – zu den Mengen KI-generierter Musik und den Erkenntnissen zu betrügerischen Streams.

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