Brille statt Bühne: So baust du einen AI Artist für die AR-Zukunft

Vom KI-Song zum digitalen Künstler: Wie Musik, Avatar, künstliche Intelligenz und Augmented Reality zu einem völlig neuen Musikerlebnis verschmelzen.

Brille statt Bühne: So baust du einen AI Artist für die AR-Zukunft

Was wäre, wenn dein nächster Auftritt gar keine Bühne mehr bräuchte?

Stell dir vor, ein Hörer setzt eine AR-Brille auf und plötzlich steht dein AI Artist mitten im Wohnzimmer. Er singt seinen neuesten Song, reagiert auf die Umgebung, erzählt etwas über die Entstehung des Tracks oder beginnt spontan einen neuen Refrain. Kein Konzertsaal, keine Lautsprecherwand, kein physischer Künstler – und trotzdem eine unmittelbare Performance.

Noch ist das weitgehend Zukunftsmusik. Doch die einzelnen Bausteine existieren bereits: generative Musik, synthetische Stimmen, KI-Bilder, Video-Avatare und interaktive KI-Systeme. Die spannende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Wie erzeugen wir einen Song mit KI?

Sondern: Wie bauen wir daraus einen Künstler?

Genau das wollen wir in diesem Tutorial ausprobieren. Der AI Artist ist mehr als ein Song
Bei einem klassischen Musiker beginnt alles häufig mit der Musik. Bei einem virtuellen Künstler sollten wir anders denken.

Ein AI Artist braucht eine Identität.

Nennen wir unser Beispielprojekt LUMA/9. LUMA/9 ist eine elektronische Künstlerin aus einer imaginären Metropole der Zukunft. Ihre Musik bewegt sich zwischen Ambient, Melodic Techno und Dream Pop. Sie wirkt geheimnisvoll, aber nicht düster. Ihre visuelle Welt besteht aus nächtlichen Stadtlandschaften, Neonlicht, Glas, Nebel und organischen Formen.

Das Entscheidende: Wir definieren diese Eigenschaften bevor wir die ersten Bilder oder Songs erzeugen. Denn wenn jede KI-Generierung anders aussieht und klingt, entsteht kein Künstler, sondern eine Sammlung einzelner KI-Experimente.

Für LUMA/9 legen wir deshalb zunächst einen kleinen „Artist Bible“ an. Darin stehen Name, musikalische Richtung, Stimme, Persönlichkeit, Farbwelt, Kleidung und die Geschichte der Figur. Das Dokument muss nicht lang sein. Eine Seite reicht.

Diese Informationen werden später zu unserem roten Faden.

Schritt 1: Die Musik entwickeln

Jetzt kommt der Teil, den viele KI-Musiker bereits kennen: Wir produzieren den ersten Track.

Für LUMA/9 wählen wir beispielsweise einen atmosphärischen elektronischen Song mit langsamem Aufbau, pulsierendem Bass und einer klaren, wiedererkennbaren Hook.

Welches KI-Musiktool man dafür verwendet, ist zunächst zweitrangig. Wichtiger ist, dass wir nicht einfach einen beliebigen Song generieren, sondern eine musikalische Identität entwickeln.

Wir hören uns deshalb mehrere Varianten an und fragen uns nicht nur: „Welcher Song klingt am besten?“

Die bessere Frage lautet: „Welcher Song klingt nach LUMA/9?“
Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.

Ein AI Artist braucht Wiedererkennbarkeit. Ein einzelner guter Track reicht dafür nicht aus. Stimme, Soundästhetik, Songstrukturen und wiederkehrende musikalische Elemente sollten sich über mehrere Veröffentlichungen hinweg entwickeln.

Schritt 2: Das Gesicht des Künstlers

Nun bekommt unser Artist ein Gesicht.

Hier können Bildgeneratoren ihre Stärke ausspielen. Wir erstellen zunächst mehrere Porträts von LUMA/9 und suchen nicht nach dem spektakulärsten Bild, sondern nach einer Figur, die wir über viele weitere Szenen hinweg konsistent darstellen können.

Das ist eine der größten Herausforderungen bei generativen Bildern.
Ein einzelner Prompt kann ein beeindruckendes Porträt erzeugen. Schwieriger wird es, dieselbe Person anschließend auf einer Bühne, in einer U-Bahn, auf einem Albumcover und in einer futuristischen Landschaft zu zeigen.

Deshalb sollten wir früh mit Referenzbildern und möglichst konsistenten Charakterbeschreibungen arbeiten. Unser Ziel ist nicht das perfekte Bild, sondern eine wiedererkennbare Figur.

Bei LUMA/9 definieren wir beispielsweise bestimmte Gesichtszüge, Frisur, Kleidung und Farben. Die Figur trägt häufig eine transparente, futuristische Jacke mit cyanfarbenen Details.
Solche visuellen Konstanten wirken zunächst wie Kleinigkeiten. Später helfen sie aber dabei, aus verschiedenen KI-Bildern eine zusammenhängende Künstlerwelt zu bauen.

Schritt 3: Aus dem Bild wird ein Performer

Ein statisches Porträt ist noch kein Musiker. Jetzt müssen wir LUMA/9 bewegen.

Mit aktuellen KI-Video- und Avatar-Tools können wir aus einem Referenzbild kurze Performances erzeugen. Je nach System kann die Figur sprechen, singen, tanzen oder sich passend zu einer Szene bewegen.

Für unser erstes Musikvideo brauchen wir dabei gar keine aufwendige Handlung. Wir nehmen beispielsweise einen Ausschnitt des Songs und erzeugen mehrere kurze Einstellungen: LUMA/9 singt direkt in die Kamera, bewegt sich durch eine nächtliche Stadt und steht später vor einer abstrakten Lichtinstallation.

Anschließend schneiden wir diese Sequenzen zusammen. Das Ergebnis muss nicht wie ein klassisches Hochglanz-Musikvideo aussehen. Gerade die leicht künstliche Ästhetik kann Teil des Konzepts werden.

Denn LUMA/9 ist kein Mensch, der zufällig mit KI dargestellt wird. LUMA/9 ist eine Figur, die nur digital existiert.

Schritt 4: Jetzt wird es interessant

Bis hierhin könnten wir das Projekt noch als gewöhnlichen virtuellen AI Artist betrachten. Der eigentliche Perspektivwechsel beginnt mit der Frage: Was passiert, wenn wir den Bildschirm entfernen?

Ein Musikvideo findet auf einem Display statt. Ein Konzert findet an einem bestimmten Ort statt. Eine AR-Erfahrung könnte dagegen den Künstler in die Umgebung des Hörers setzen. Genau hier wird die Entwicklung von AR-Brillen interessant.

Statt LUMA/9 auf einem Smartphone zu betrachten, könnte der Hörer sie eines Tages direkt in seiner Umgebung erleben. Sie könnte beispielsweise auf dem Tisch sitzen, während ihr Song läuft. Oder sie könnte als holografisch wirkende Figur neben dem Hörer stehen und den nächsten Track ankündigen.

Die Umgebung wäre dabei nicht nur Kulisse. Sie könnte Bestandteil der Performance werden.

Schritt 5: Den Artist für AR denken

Auch wenn wir heute noch keine perfekte AR-Version unseres Projekts bauen können, können wir bereits entsprechend konzipieren. Das bedeutet vor allem: Wir denken nicht mehr in rechteckigen Videobildern. Wir fragen uns stattdessen, wo sich der Künstler im Raum befindet.

Bei LUMA/9 könnte der Hörer beispielsweise einen virtuellen Club betreten. Die Wände reagieren auf die Musik, Lichtquellen verändern ihre Farbe und LUMA/9 bewegt sich frei durch den Raum.
Bei einem anderen Song erscheint die Figur vielleicht nur als kleine Projektion auf dem Schreibtisch.

Und bei einem dritten Track verschwindet sie beinahe vollständig. Nur ihre Stimme und einige visuelle Elemente bleiben in der Umgebung zurück. Damit verändert sich auch die Rolle des Musikvideos. Es wird nicht mehr nur etwas, das man anschaut. Es wird zu einem Ort, den man erlebt.

Schritt 6: Der Künstler kann reagieren

Jetzt kommt ein weiterer Baustein hinzu, der für KI Artists besonders spannend ist: Interaktion.
Ein klassischer virtueller Avatar spielt eine vorher produzierte Performance ab. Ein KI Artist könnte dagegen auf den Hörer reagieren. Man könnte sich beispielsweise vorstellen, LUMA/9 zu fragen:
„Wie ist dieser Song entstanden?“ Oder: „Spiel mir etwas Ruhigeres.“

Die KI könnte darauf antworten und – je nach technischer Umsetzung – sogar eine passende musikalische Erfahrung erzeugen. Damit verändert sich das Verhältnis zwischen Künstler und Publikum grundlegend. Der Fan konsumiert nicht mehr ausschließlich fertige Veröffentlichungen.

Er interagiert mit der Künstlerfigur. Genau hier liegt möglicherweise einer der größten Unterschiede zwischen heutigen virtuellen Musikprojekten und zukünftigen AI Artists.

Was heute schon funktioniert

Wichtig ist allerdings, zwischen Gegenwart und Zukunft zu unterscheiden. Heute können wir bereits KI-Musik erzeugen, Charaktere gestalten, Bilder animieren, Videos produzieren und Sprach- oder Chat-Systeme mit einer definierten Persönlichkeit verbinden.

Auch immersive Medien und AR existieren längst.

Was noch nicht selbstverständlich ist, ist die perfekte Kombination all dieser Elemente zu einem überzeugenden, dauerhaft verfügbaren AI Artist, der sich frei und natürlich in der realen Umgebung des Hörers bewegt. Die technische Entwicklung geht jedoch genau in diese Richtung.
Deshalb lohnt es sich schon heute, bei der Konzeption eines AI Artists nicht nur an Spotify, YouTube oder TikTok zu denken.

Der wichtigste Gedanke

Die interessanteste Frage für KI-Musiker lautet vielleicht „Was kann ein Künstler sein, wenn er nicht mehr an einen menschlichen Körper gebunden ist?“

Ein AI Artist muss keine digitale Kopie eines realen Musikers sein. Er kann Eigenschaften besitzen, die bei einem menschlichen Künstler gar nicht möglich wären. Er kann gleichzeitig an verschiedenen Orten auftreten. Er kann seine Umgebung verändern. Er kann theoretisch rund um die Uhr verfügbar sein. Er kann seine visuelle Erscheinung für einen Song wechseln oder mit jedem Hörer eine individuelle Erfahrung erzeugen.

Und irgendwann könnte die Bühne tatsächlich kleiner werden. Nicht weil Konzerte verschwinden.
Sondern weil ein Künstler plötzlich überall dort auftreten kann, wo sein Publikum gerade ist.

Unser nächster Schritt

Für LUMA/9 wäre der nächste Entwicklungsschritt deshalb nicht einfach das nächste Musikvideo.
Wir würden eine kleine immersive Welt bauen: einen virtuellen Raum, eine visuelle Sprache und Regeln dafür, wie sich die Figur darin verhält.

Aus einem KI-generierten Song wird so nach und nach ein vollständiges Artist-Konzept. Und genau das könnte die nächste Entwicklungsstufe der KI-Musik sein: Nicht mehr nur künstlich erzeugte Musik – sondern künstlich erschaffene Künstlerwelten.

Die Brille ersetzt dabei vielleicht nicht die Bühne. Aber sie könnte dafür sorgen, dass die Bühne irgendwann dort beginnt, wo der Hörer gerade steht.

Der Praxis-Workflow: Vom Song zum AI Artist

Jetzt wird aus der Idee ein konkretes Projekt. Wir bauen unseren Beispiel-Artist LUMA/9 Schritt für Schritt auf. Der wichtigste Trick dabei: Nicht alles mit einem einzigen KI-Tool erledigen. Gute Ergebnisse entstehen, wenn wir die Stärken verschiedener Systeme miteinander kombinieren.

1. Die Künstleridentität festlegen

Bevor wir irgendeinen Prompt schreiben, erstellen wir eine kurze Artist-Bibel.

Für LUMA/9 könnte sie so beginnen:

Name: LUMA/9
Genre: Atmospheric Electronic / Dream Pop / Melodic Techno
Charakter: geheimnisvoll, ruhig, intelligent, leicht futuristisch
Visuelle Welt: Neon, Glas, Nacht, Nebel, Cyan und Violett
Look: futuristische Kleidung, dunkle Haare, markantes Gesicht
Stimme: warm, intim, leicht entrückt
Thema: Menschlichkeit in einer zunehmend digitalen Welt

Diese Informationen geben wir später nicht jedes Mal wortwörtlich ein. Sie dienen vielmehr als kreativer Bauplan.

Wer mit einem Chatbot arbeitet, kann sich daraus zusätzlich einen festen Master-Prompt erstellen lassen. Der beschreibt die Figur so, dass wir bei späteren Bild-, Video- und Story-Prompts möglichst konsistent bleiben.

2. Den ersten Song erzeugen

Jetzt produzieren wir den musikalischen Ausgangspunkt. Mit einem KI-Musikgenerator erstellen wir zunächst mehrere Varianten. Für unser Projekt könnte der Prompt beispielsweise in diese Richtung gehen:

Atmospheric electronic dream pop, intimate female vocal, futuristic nocturnal mood, deep pulsing bass, shimmering synthesizers, emotional chorus, cinematic build, sophisticated and slightly mysterious.

Entscheidend ist, anschließend nicht einfach den technisch besten Output zu nehmen. Wir suchen den Track aus, der am stärksten nach unserer Figur klingt. Aus diesem ersten Song lassen sich später weitere Stücke ableiten. Wir können beispielsweise Tempo, Instrumentierung und Stimmung verändern, ohne die grundsätzliche musikalische Identität aufzugeben.

Damit entsteht langsam ein Katalog statt einer Sammlung voneinander unabhängiger KI-Songs.

3. Ein konsistentes Gesicht erzeugen

Jetzt wechseln wir von Audio zu Bild. Mit einem Bildgenerator erstellen wir zunächst verschiedene Porträts von LUMA/9. Dabei testen wir unterschiedliche Perspektiven, Gesichtsausdrücke und Outfits. Sobald wir ein überzeugendes Referenzbild haben, wird dieses Bild zum visuellen Anker des Projekts. Das ist wichtig: Nicht für jede neue Szene eine komplett neue Figur generieren. Wir wollen vielmehr dieselbe Figur in unterschiedlichen Szenen sehen.

Dafür verwenden wir unser ausgewähltes Referenzbild als Ausgangspunkt und arbeiten – sofern das jeweilige Bildmodell dies unterstützt – mit Funktionen wie Character Reference, Image Reference oder vergleichbaren Referenzmöglichkeiten.

Für LUMA/9 erstellen wir zunächst einige grundlegende Motive: ein enges Porträt, eine Ganzkörperaufnahme, eine Performance-Szene und eine Alltagssituation. Dabei achten wir darauf, dass Gesicht, Frisur, Kleidung und Farbwelt möglichst konsistent bleiben.

Unser Ziel ist nicht, jedes Bild perfekt zu machen. Unser Ziel ist, dass der Betrachter auch beim fünften Bild noch denkt: Das ist LUMA/9.

Das Referenzmaterial wird später außerdem für die Videogenerierung wichtig. Je besser die Figur bereits als visueller Charakter definiert ist, desto leichter lässt sie sich in unterschiedliche Szenen übertragen.

4. Die Figur zum Leben erwecken

Jetzt wird aus dem Bild ein Performer. Dafür können wir ein KI-Videotool verwenden, das aus einem Ausgangsbild kurze bewegte Sequenzen erzeugt. Beispiele sind Runway, Kling oder vergleichbare Systeme.

Wir laden zunächst unser bestes LUMA/9-Porträt hoch und beschreiben eine einfache Bewegung.

Zum Beispiel:

LUMA/9 looks directly into the camera, subtle natural head movement, gentle breathing, slight movement of her hair, cinematic neon lighting, slow camera push-in.

Für den ersten Versuch reicht eine sehr kurze Sequenz. Wir versuchen noch nicht, einen kompletten Auftritt zu erzeugen. Stattdessen testen wir einzelne Bewegungen und Einstellungen.

Vielleicht funktioniert die Nahaufnahme hervorragend, während eine komplexe Tanzbewegung künstlich aussieht. Dann nutzen wir genau das, was funktioniert. Anschließend erzeugen wir weitere kurze Clips: LUMA/9 läuft durch eine nächtliche Straße, steht vor einer Lichtinstallation oder performt in einem futuristischen Studio.

Aus diesen einzelnen Sequenzen entsteht später unser Musikvideo.

5. Die Stimme definieren

Jetzt fehlt noch ein entscheidendes Element: die Stimme. Wenn LUMA/9 ausschließlich singt, können wir ihre Gesangsstimme bereits über unseren Musikgenerator definieren. Soll sie aber auch mit ihrem Publikum sprechen, braucht sie zusätzlich eine eigene Sprechstimme.

Dafür können wir beispielsweise einen KI-Sprachgenerator verwenden. Wichtig ist, dass wir nicht einfach irgendeine angenehme Stimme auswählen. Wir suchen eine Stimme, die zur Persönlichkeit passt.

LUMA/9 ist ruhig und geheimnisvoll. Deshalb passt eine warme, eher zurückhaltende Stimme besser als eine überdrehte Moderatorenstimme.

Jetzt schreiben wir ihr einen ersten kurzen Text:

Du hörst gerade einen Song über eine Erinnerung, die nie stattgefunden hat.“

Dieser Satz kann später beispielsweise vor einem Song, in einem Social-Media-Clip oder innerhalb einer interaktiven AR-Erfahrung auftauchen.

Damit bekommt LUMA/9 etwas, das ein gewöhnlicher KI-Avatar noch nicht unbedingt besitzt: eine erkennbare Persönlichkeit.

6. Das erste Musikvideo bauen

Jetzt verbinden wir unsere bisherigen Ergebnisse. Wir haben einen Song, eine Figur, Bilder, Videoanimationen und eine Stimme. Für den ersten Clip brauchen wir gar keine komplizierte Handlung. Wir schneiden beispielsweise eine Sequenz aus dem Song und kombinieren verschiedene kurze Einstellungen.

LUMA/9 singt.

Dann sehen wir eine nächtliche Stadt.

Ein Schnitt auf ihr Gesicht.

Eine Lichtinstallation beginnt im Rhythmus der Musik zu pulsieren.

LUMA/9 bewegt sich durch den Raum. Dann wieder die Nahaufnahme. So entsteht aus vielen kleinen KI-Sequenzen ein zusammenhängendes Musikvideo. Der Vorteil dieses modularen Workflows: Wenn eine Einstellung nicht funktioniert, müssen wir nicht das komplette Video neu erzeugen. Wir ersetzen einfach diesen einen Clip.

7. Jetzt verlassen wir den Bildschirm

Bis hierhin haben wir einen virtuellen Musiker gebaut. Jetzt kommt der eigentliche Zukunftsteil unseres Experiments. Wir fragen:

Was wäre, wenn LUMA/9 nicht auf einem Bildschirm erscheinen würde?

Was wäre, wenn sie direkt im Raum des Hörers auftauchen könnte?

Genau hier kommt Augmented Reality ins Spiel. Für unser Konzept denken wir deshalb nicht mehr in klassischen Videobildern. Wir denken in Positionen.

LUMA/9 könnte beispielsweise zwei Meter vor dem Hörer stehen. Oder auf einem Tisch sitzen. Oder sich durch den Raum bewegen.

Die Musik bleibt dieselbe. Aber die Perspektive verändert sich vollkommen.

8. Die erste AR-Szene planen

Bevor wir eine technische AR-Anwendung bauen, planen wir zunächst die Szene. Nehmen wir an, der Nutzer startet den neuen LUMA/9-Song zu Hause. Die Musik beginnt.

Zunächst ist nichts zu sehen. Dann erscheint LUMA/9 an einer bestimmten Stelle im Raum.

Mit dem ersten Beat wird sie sichtbar. Während der Song intensiver wird, verändern sich virtuelle Lichtobjekte in ihrer Umgebung. Beim Refrain bewegt sich LUMA/9 näher zum Zuschauer.

Am Ende des Songs löst sie sich langsam wieder auf.

Das ist zunächst nur ein Konzept. Aber genau so sollten wir an AR herangehen.

9. Die Umgebung wird Teil der Musik

Jetzt können wir die Idee weiterentwickeln. Statt LUMA/9 einfach vor einen virtuellen Hintergrund zu stellen, lassen wir die Umgebung auf die Musik reagieren.

Der Bass könnte beispielsweise virtuelle Lichtimpulse erzeugen. Eine Wand könnte sich scheinbar öffnen. Partikel könnten aus den Lautsprechern in den Raum strömen.

Oder eine virtuelle Architektur könnte sich während des Songs verändern. Damit wird der Raum zu einem Teil des Arrangements. Der Song bekommt gewissermaßen eine räumliche Instrumentierung.

Das ist besonders interessant für elektronische Musik, Ambient oder experimentelle Genres, weil dort ohnehin häufig mit Atmosphäre und Klangräumen gearbeitet wird.

10. Der Artist wird interaktiv

Bis jetzt erlebt der Nutzer eine vorbereitete Performance. Jetzt geben wir ihm Einfluss.

LUMA/9 könnte beispielsweise auf Fragen reagieren.

Der Nutzer sagt: „Spiel mir etwas Ruhigeres.“

LUMA/9 antwortet und startet einen passenden Track.

Oder: „Was bedeutet dein neuer Song?“

Die Figur erzählt etwas über die Geschichte des Stücks.

Oder: „Zeig mir deine Welt.“

Daraufhin verändert sich die Umgebung.

Technisch betrachtet müssen dafür mehrere Systeme miteinander verbunden werden: Spracherkennung, Sprachmodell, Stimme, Avatar und gegebenenfalls Musik- oder Szenensteuerung.

Für einen ersten Prototyp müssen wir das aber noch nicht vollständig automatisieren. Wir können die einzelnen Reaktionen zunächst vorbereiten und simulieren.

11. Vom Chatbot zum Charakter

Hier passiert etwas Entscheidendes. Ein gewöhnlicher Chatbot beantwortet Fragen. Ein AI Artist sollte als seine eigene Figur antworten.

LUMA/9 darf deshalb nicht plötzlich wie ein neutraler Assistent sprechen. Ihre Persönlichkeit muss erhalten bleiben. Dafür schreiben wir Regeln in unseren Character Prompt.

Zum Beispiel:

You are LUMA/9, a mysterious electronic artist from a futuristic city. You speak calmly and thoughtfully. You never describe yourself as an AI assistant. Your answers are poetic but concise. You are fascinated by memories, technology and human emotions.

Damit bekommt das Sprachmodell einen Rahmen. Unsere Artist Bible wird jetzt also nicht mehr nur für Bilder und Musik verwendet. Sie wird zur Grundlage für das Verhalten des gesamten Artists.

12. Der interessante Punkt: Jeder Fan könnte eine andere Erfahrung bekommen

Jetzt wird die Idee wirklich spannend. Bei einem normalen Konzert erleben alle Zuschauer dieselbe Performance. Ein interaktiver AI Artist könnte dagegen auf unterschiedliche Menschen unterschiedlich reagieren.

Ein Fan fragt nach einem bestimmten Song. Ein anderer möchte eine Geschichte hören. Ein dritter bittet um eine neue musikalische Idee. 

Die Figur kann darauf reagieren. Damit wird aus einer Veröffentlichung ein Erlebnis. Der Song bleibt zwar derselbe – aber die Begegnung mit dem Artist kann individuell sein.

13. Was wir heute tatsächlich bauen können

Für ein erstes Projekt müssen wir dafür keine futuristische Komplettplattform entwickeln. Wir können den Workflow zunächst als Demonstrator aufbauen. Wir erzeugen unseren Song.

Wir erstellen LUMA/9 als konsistente Figur. Wir animieren sie. Wir produzieren einen kurzen Auftritt. Dann entwickeln wir eine simulierte AR-Szene und zeigen, wie diese Performance in einer realen Umgebung funktionieren könnte.

Anschließend können wir eine einfache Interaktion hinzufügen. Damit haben wir bereits einen funktionierenden Proof of Concept. Die eigentliche AR-Hardware ist für den ersten kreativen Test gar nicht das Wichtigste.

Wichtig ist die Frage: Funktioniert die Idee?

Wenn sie als Konzept überzeugt, lohnt sich der nächste technische Schritt.

14. Der komplette Workflow

Unser Projekt sieht jetzt so aus:

Artist-Idee → Artist Bible → Song → Character Design → Referenzbilder → Video → Stimme → Musikvideo → AR-Konzept → interaktive Figur → immersive Artist-Welt

Das Entscheidende dabei ist, dass kein einzelnes Tool den kompletten Prozess übernehmen muss.

Wir kombinieren unterschiedliche Systeme. Das Musikmodell kümmert sich um Musik.

Das Bildmodell um die visuelle Identität. Das Videomodell um Bewegung.

Das Sprachsystem um die Stimme. Das KI-Modell um Dialog und Persönlichkeit.

Und die AR-Technologie verbindet schließlich alles mit dem Raum.

15. Was dabei leicht schiefgeht

Der größte Fehler wäre, möglichst viele Effekte einzubauen. Ein AI Artist muss nicht permanent spektakulär aussehen. Wenn LUMA/9 während eines Songs plötzlich zehn Meter groß wird, durch die Decke fliegt und von 500 leuchtenden Objekten umgeben ist, mag das in einem Demo-Video beeindruckend aussehen.

Aber nach kurzer Zeit wird es langweilig.

Die bessere Frage lautet: Was passt zur Persönlichkeit des Artists und zur Musik?

Bei LUMA/9 könnte gerade die Zurückhaltung das Markenzeichen sein. Vielleicht steht sie einfach ruhig im Raum. Vielleicht bewegt sie sich kaum. Und nur das Licht reagiert auf die Musik.

Das kann wesentlich stärker wirken.

16. Der rechtliche Teil

Bei einem realen Projekt dürfen wir einen wichtigen Punkt nicht vergessen. Ein AI Artist sollte nicht einfach die Stimme, das Gesicht oder die Identität eines realen Musikers kopieren, ohne die entsprechenden Rechte zu besitzen.

Besonders bei Stimmen und Gesichtern können neben Urheberrecht auch Persönlichkeits- und andere Rechte eine Rolle spielen.

Für unser Beispiel ist das deshalb einfach: LUMA/9 ist eine vollständig neu entwickelte Figur.

Auch bei den verwendeten KI-Diensten sollte man die jeweils aktuellen Nutzungsbedingungen und kommerziellen Rechte prüfen. Diese können sich ändern und unterscheiden sich teilweise erheblich.

Für eine Veröffentlichung ist außerdem Transparenz sinnvoll. Wenn ein Künstler vollständig oder weitgehend mit generativer KI erzeugt wurde, sollte das Publikum nicht absichtlich über seine Herkunft getäuscht werden.

Und jetzt?

Wer dieses Experiment selbst ausprobieren möchte, muss nicht gleich eine AR-Brille besitzen.

Der erste Schritt ist viel einfacher: Erschaffe zunächst deinen eigenen Artist.

Gib ihm einen Namen, eine musikalische Identität, ein Gesicht, eine Stimme und eine Geschichte. Produziere anschließend einen ersten Song und entwickle daraus Bilder, kurze Videos und vielleicht sogar eine kleine Social-Media-Präsenz.

Wenn die Figur nach mehreren Songs und unterschiedlichen visuellen Szenen immer noch eindeutig als derselbe Künstler erkennbar ist, hast du die wichtigste Grundlage geschaffen. Erst danach lohnt sich der nächste Schritt: Überlege, wie dein Artist außerhalb eines Bildschirms existieren könnte.

Wo würde er in einem Raum auftauchen? Wie würde er sich bewegen? Was würde passieren, wenn der Hörer ihn anspricht? Und wie könnte die Musik auf seine Umgebung reagieren?

Du musst diese Fragen heute noch nicht technisch lösen. Entwirf zunächst das Erlebnis.

Denn genau darin liegt die Chance für Musiker: Die Technologie wird sich weiterentwickeln. Die kreative Idee sollte deshalb nicht von einem bestimmten Tool abhängig sein.

Vielleicht besitzt dein AI Artist irgendwann eine eigene virtuelle Bühne. Vielleicht braucht er überhaupt keine Bühne mehr. Vielleicht erscheint er eines Tages direkt neben dem Hörer – auf dem Schreibtisch, im Wohnzimmer oder mitten auf der Straße.

Und vielleicht wird genau das der Moment sein, in dem aus einem KI-generierten Song ein völlig neues Format von Künstler entsteht.

Brille statt Bühne.



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