Craving for Catalogues – Das große Wettrennen um die Musikrechte

Sony, Warner, BMG, Pophouse und Finanzinvestoren investieren Milliarden in Musikrechte.

Craving for Catalogues – Das große Wettrennen um die Musikrechte

Sony, Warner, BMG, Pophouse und Finanzinvestoren investieren Milliarden in Musikrechte. Der aktuelle Deal von BMG mit Jean-Michel Jarre ist nur ein weiteres Beispiel für einen Markt, in dem Musikkataloge zunehmend wie strategische Vermögenswerte behandelt werden.

Wer in diesem Jahr die Schlagzeilen der Musikbranche verfolgt, könnte tatsächlich den Eindruck bekommen: Irgendjemand kauft ständig einen Musikkatalog. Und der Eindruck kommt nicht von ungefähr.

Im Mai kündigte Sony Music Publishing die Übernahme des Katalogs der Recognition Music Group an. Mehr als 45.000 Songs wechseln damit den Besitzer – darunter Werke von Beyoncé, Fleetwood Mac und Rihanna. Der Kaufpreis wurde von Reuters mit rund vier Milliarden US-Dollar beziffert, auch wenn die Unternehmen selbst keine finanziellen Details veröffentlichten. Reuters

Warner Music wiederum sicherte sich in diesem Jahr die Recorded-Music-Rechte der Red Hot Chili Peppers. Der Deal soll mehr als 300 Millionen Dollar wert sein. Hollywood Reporter

Und auch BMG ist auf Einkaufstour – beziehungsweise baut seine Rechtebestände weiter aus. Im April vereinbarte das Unternehmen den Zusammenschluss mit Concord. Das entstehende Musikunternehmen soll Zugriff auf mehr als vier Millionen Songs haben und damit zu einem der größten Rechtehalter der Branche werden. Financial Times

Mit dem aktuellen Deal um Jean-Michel Jarre zeigt sich zudem, dass nicht immer gleich ein vollständiger Verkauf notwendig ist. BMG hat sich die exklusive Lizenzierung von Jarres aufgenommenem Katalog in zahlreichen internationalen Märkten gesichert. Es geht also auch darum, langfristig die wirtschaftliche Verwertung großer Repertoires zu kontrollieren.

Musik wird zum Asset

Hinter dieser Entwicklung steckt ein grundlegender Wandel. Ein erfolgreicher Musikkatalog ist heute nicht mehr nur ein Archiv alter Songs. Er ist ein Bündel von Rechten, das über Jahrzehnte Einnahmen generieren kann – durch Streaming, Radio, physische Verkäufe, Film und Fernsehen, Werbung, Games, Social Media und Synchronisation.

Streaming hat diesen Wert zusätzlich verändert. Ein Song aus den 1970er-, 1980er- oder 1990er-Jahren ist nicht „alt“ im wirtschaftlichen Sinne. Er kann heute genauso gestreamt werden wie eine Neuerscheinung und dabei kontinuierlich Einnahmen erzeugen.

Eine aktuelle wissenschaftliche Untersuchung beschreibt Musikrechte deshalb ausdrücklich als eigene Asset-Klasse. Die Autoren vergleichen die Eigenschaften langfristig gehaltener Musikrechte mit klassischen Anlageformen wie Aktien. arXiv

Für Investoren ist das interessant, weil erfolgreiche Kataloge vergleichsweise gut kalkulierbare Einnahmeströme bieten können. Für die Musikunternehmen geht es gleichzeitig um Kontrolle: Wer die Rechte besitzt, entscheidet über Lizenzen, Auswertung und zukünftige Geschäftsmodelle.

Es geht längst nicht mehr nur um die Majors

Interessant ist deshalb, dass der Katalog-Boom nicht ausschließlich von Universal, Sony und Warner getragen wird.

Ein besonders offensiver Käufer ist Pophouse. Das schwedische Entertainment-Unternehmen hat sich unter anderem an den Katalogen und Marken von Tina Turner, Iron Maiden, KISS, Cyndi Lauper und Swedish House Mafia beteiligt. Pophouse

Bei Tina Turner übernahm Pophouse im März 2026 die Mehrheit an den Musikinteressen sowie an Name, Image und Likeness. BMG blieb dabei beteiligt. Pophouse Bei Iron Maiden folgte im Juli die Übernahme einer 50-prozentigen Beteiligung an Publishing- und Masterrechten sowie an Name, Image und Likeness der Band. Axios

Das Geschäftsmodell geht dabei über klassische Rechteverwertung hinaus. Pophouse will aus Künstlerkatalogen komplette Entertainment-Marken entwickeln – inklusive Live-Erlebnissen, visuellen Projekten und digitalen Formaten.

Und dann ist da noch KI

Die nächste große Frage lautet deshalb: Welche zusätzlichen Werte können solche Kataloge durch KI bekommen? Genau hier verändert sich der Markt gerade besonders schnell.

Die großen Musikunternehmen verhandeln inzwischen mit KI-Unternehmen über lizenzierte Trainingsdaten, neue Musikwerkzeuge und Fan-Anwendungen. Universal hat beispielsweise erst im September eine mehrjährige Vereinbarung mit ElevenLabs für eine lizenzierte KI-Musikplattform angekündigt. Künstler:innen sollen sich daran beteiligen können. 

Auch BMG hat in diesem Jahr eine Vereinbarung mit Suno geschlossen, nach der teilnehmende Künstler:innen und Songwriter für die Nutzung ihrer Musik zum Training neuer KI-Modelle vergütet werden sollen.

Damit bekommen Katalogrechte eine zusätzliche strategische Dimension. Ein großer Bestand an bekannten Songs kann künftig nicht nur Streaming- und Lizenzumsätze generieren, sondern auch die Grundlage für neue, lizenzierte KI-Produkte bilden.

Wem gehört die Musik von morgen?

Der Katalog-Boom ist deshalb mehr als eine Serie spektakulärer Übernahmen.

Die Musikindustrie baut derzeit ihre Eigentumsstrukturen für die nächsten Jahrzehnte um.

Sony investiert Milliarden in Songrechte, Warner kauft große Recorded-Music-Kataloge, BMG und Concord bündeln Millionen von Werken und Unternehmen wie Pophouse versuchen, aus einzelnen Künstlerkatalogen globale Entertainment-Marken zu entwickeln. Gleichzeitig wird KI zum neuen Testfall für den Wert dieser Rechte.

Die entscheidende Frage lautet damit nicht mehr nur, wie viele Menschen einen Song heute hören. Es geht zunehmend darum, wie viele unterschiedliche Geschäftsmodelle sich mit den Rechten an diesem Song künftig noch erschließen lassen.

Und genau deshalb sind Musikkataloge derzeit so begehrt.



Teilen

Was ist Ihre Reaktion?

Gefällt mir Gefällt mir 0
Gefällt mir nicht Gefällt mir nicht 0
Liebe Liebe 0
Lustig Lustig 0
Wütend Wütend 0
Traurig Traurig 0
Wow Wow 0