Wenn der Künstler digital auf Tour geht
Britisches Start-up Unit1 will Konzerte mit digitalen Avataren aus dem Spezialvenue holen
Was wäre, wenn ein Künstler gleichzeitig in London, Berlin und Los Angeles auf der Bühne stehen könnte? Nicht als Livestream, sondern als scheinbar physisch anwesender Performer – mit Band, Lichtshow und Publikum vor Ort.
Genau an dieser Idee arbeitet das britische Music-Tech-Start-up Unit1. Das Unternehmen hat eine Finanzierung von 20 Millionen US-Dollar – knapp 15 Millionen Pfund – erhalten und will damit eine neue Form des Live-Konzerts entwickeln: Shows mit hochrealistischen digitalen Avataren von Musikerinnen und Musikern.
Der entscheidende Unterschied zu bisherigen Avatar-Shows liegt dabei weniger in der Technologie als im Geschäftsmodell. Unit1 will nicht das nächste fest installierte Spektakel bauen, sondern eine Produktion entwickeln, die sich in bestehende Veranstaltungsorte bringen lässt.
Von ABBA Voyage zur digitalen Tournee
Das Prinzip ist längst keine Science-Fiction mehr. Mit ABBA Voyage hat die Musikindustrie gezeigt, dass ein Konzert mit digitalen Abbildern realistisch als großes Live-Erlebnis funktionieren kann. Die 2022 in London gestartete Show setzt allerdings auf eine eigens dafür gebaute Arena.
Unit1 will dieses Konzept flexibler machen.
Die Idee: Statt eines permanenten Gebäudes kommen hochauflösende LED-Flächen, Licht, Sound, Bühnenbild und digitale Performer in bestehende Hallen. Dazu sollen echte Musiker live auf der Bühne spielen. Für das Publikum soll dadurch der Eindruck entstehen, einen vollständigen Live-Act zu erleben.
Das könnte die wirtschaftliche Rechnung für Avatar-Konzerte erheblich verändern. Eine Produktion müsste nicht mehr zwangsläufig an einen einzigen Ort gebunden sein. Theoretisch könnten identische Shows sogar zeitgleich in mehreren Ländern stattfinden.
Der erste Test mit KT Tunstall
Wie das aussehen kann, hat Unit1 bereits mit der schottischen Musikerin KT Tunstall getestet.
Tunstall wurde in einem Londoner Studio mit Motion-Capture-Technologie aufgenommen und reproduzierte dabei eine rund zwei Jahrzehnte alte Performance aus der TV-Sendung „Later… with Jools Holland“. Aus dem Material entstand ein digitaler Avatar, der Tunstall in ihrer heutigen Erscheinung darstellen kann.
Das Beispiel zeigt gleichzeitig, dass es Unit1 nicht ausschließlich um die digitale Wiederbelebung verstorbener Stars geht. Auch lebende Künstler könnten mit Avataren vergangene Performances neu inszenieren, Konzerte anbieten, obwohl sie selbst nicht vor Ort sind, oder ihre Bühnenpräsenz über mehrere Märkte hinweg skalieren.
Und was passiert mit verstorbenen Künstlern?
Noch kontroverser wird das Konzept, wenn der Künstler nicht mehr lebt. Unit1 will in solchen Fällen Archivmaterial mit Darstellern und Musikern kombinieren, die dem Original ähnlich sehen oder dessen Spielweise nachbilden. Daraus soll ein digitaler Performer entstehen, der auf bekannten historischen Auftritten basiert.
Damit betritt das Unternehmen allerdings ein Feld, in dem technische Machbarkeit und rechtliche Erlaubnis nur die halbe Geschichte sind. Die Frage lautet auch: Wollen Fans ihren verstorbenen Lieblingskünstler überhaupt als digitale Figur sehen?
Wie sensibel das Thema ist, zeigte in diesem Jahr die Diskussion um Pläne für einen KI-Avatar des verstorbenen Black-Sabbath-Sängers Ozzy Osbourne. Einige Fans kritisierten das Vorhaben als respektlos. Unit1-Gründer Barney Wragg betont deshalb, dass das Unternehmen mit den Familien beziehungsweise Rechteinhabern zusammenarbeiten und sich auf gut dokumentierte, bekannte Auftritte konzentrieren wolle.
Die eigentliche Herausforderung heißt Vertrauen
Damit verschiebt sich die zentrale Frage bei digitalen Künstlern. Technisch wird es immer einfacher, das Aussehen, die Bewegungen und die Stimme eines Menschen digital zu reproduzieren. Schwieriger wird die Frage, wer entscheiden darf, was dieser digitale Künstler tut.
Bei lebenden Musikern ist die Situation vergleichsweise klar: Sie können selbst entscheiden, ob und wie ihr digitales Abbild eingesetzt wird. Bei verstorbenen Künstlern wird es komplizierter. Dann treffen Erben, Labels, Verlage, Produzenten, Veranstalter und möglicherweise weitere Rechteinhaber aufeinander. Hinzu kommt eine emotionale Dimension, die sich nicht in einem Lizenzvertrag abbilden lässt.
Unit1 will einen Teil der neuen Finanzierung deshalb ausdrücklich in Forschung und Entwicklung sowie in Rechte- und Lizenzvereinbarungen mit Künstlern und deren Nachlässen investieren.
Die Bühne wird zur Plattform
Interessant ist vor allem, was dieses Modell für das klassische Tourgeschäft bedeuten könnte. Ein menschlicher Künstler kann immer nur an einem Ort gleichzeitig auftreten. Ein digitaler Performer hat diese physische Beschränkung nicht. Das eröffnet theoretisch neue Modelle:
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Ein Avatar könnte in mehreren Städten am selben Abend auftreten.
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Ein Künstler könnte Konzerte anbieten, obwohl er nicht mehr tourt.
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Historische Performances könnten als neue Live-Produktionen inszeniert werden.
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Veranstalter könnten digitale Acts in bestehende Hallen integrieren, ohne eine eigene Arena bauen zu müssen.
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Künstler und Rechteinhaber könnten ihren Katalog über neue Live-Formate monetarisieren.
Das macht Avatar-Konzerte aus Sicht der Musikindustrie potenziell interessanter als einen bloßen technischen Gimmick.
Aber ein Avatar ersetzt kein Live-Erlebnis
Genau hier dürfte sich auch entscheiden, ob sich das Konzept langfristig durchsetzt. Ein Konzert besteht nicht nur aus dem Abbild eines Sängers. Publikum, Raum, Lautstärke, Licht, die Reaktion der Menge und die Unvorhersehbarkeit einer echten Performance gehören genauso dazu.
Unit1 setzt deshalb auf eine Mischung aus digitaler und physischer Welt. Echte Musiker sollen weiterhin live Instrumente spielen, während die digitalen Künstler über LED-Flächen und eine entsprechend abgestimmte Produktion auf der Bühne erscheinen.
Das Konzept wäre damit weniger „KI ersetzt den Musiker“ als eine neue Form hybrider Live-Unterhaltung. Und genau das könnte der entscheidende Punkt sein.
Die nächste Phase der KI-Musik findet möglicherweise nicht im Studio statt
Die aktuelle Diskussion über KI-Musik konzentriert sich häufig auf Generatoren wie Suno oder Udio: Wie entstehen Songs? Wem gehören Trainingsdaten? Was passiert mit Künstlerrechten? Unit1 zeigt eine andere Entwicklungslinie.
Hier geht es nicht darum, einen neuen Song per Prompt zu erzeugen. Es geht darum, die physische Präsenz eines Musikers zu digitalisieren und als Teil eines Live-Produkts neu einzusetzen. Damit wird KI beziehungsweise digitale Künstlertechnologie zu einer Infrastruktur für das Konzertgeschäft.
Ob daraus tatsächlich eine neue Form der Tournee entsteht, muss sich erst zeigen. Die Finanzierung zeigt allerdings, dass Investoren und erfahrene Musikmanager in diesem Modell inzwischen mehr sehen als eine futuristische Bühnenspielerei. Unit1 wurde von Barney Wragg gegründet, der unter anderem fünf Jahre lang die Entertainment-Gruppe von Andrew Lloyd Webber leitete. Zu den Investoren gehören unter anderem Balderton Capital, Mercuri und der frühere U2-Manager Paul McGuinness.
Die vielleicht spannendste Frage lautet deshalb nicht mehr, ob digitale Künstler auf Bühnen funktionieren. Sondern: Was passiert mit dem Konzert, wenn der Künstler selbst nicht mehr reisen muss?
(Quelle: The Guardian)
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