Die letzten weißen Flecken auf der KI-Musik-Landkarte
Von Marschmusik bis Jodeln: Warum die künstliche Intelligenz offenbar noch nicht alle musikalischen Abgründe entdeckt hat
EDM, Metal, Soul, R&B, Country, Ambient, Synthwave? Einfach den passenden Prompt eingeben, kurz warten – und schon steht der nächste Song bereit. Manchmal klingt er erstaunlich gut. Manchmal klingt er wie der Soundtrack eines Computerspiels aus dem Jahr 2007.
Aber eines fällt auf: Während einige Genres geradezu von KI-Musik überrollt werden, gibt es musikalische Gegenden, die auf der KI-Landkarte erstaunlich leer wirken. Und damit stellt sich eine ziemlich wichtige Frage: Wo bleibt eigentlich der neue KI-Marsch?
Die KI liebt offenbar das Neue
Die bisherigen Auswertungen von KI-Musik zeigen vor allem eines: Creator bewegen sich gerne in Genres, die ohnehin stark mit digitaler Produktion, Streaming und Popkultur verbunden sind. Eine aktuelle Auswertung von KI-Musik-Einsendungen fand beispielsweise R&B/Soul, Pop und Country weit vorne. Andere Analysen sehen Pop, Electronic, Hip-Hop und verwandte Genres besonders häufig. Das ist zunächst wenig überraschend.
Wer einen KI-Musikgenerator ausprobiert, möchte wahrscheinlich eher „cinematic electronic pop with emotional female vocals“ hören als: „Traditioneller deutscher Militärmarsch, 2/4-Takt, mit Fanfaren und großem Finale.“ Obwohl die KI auch das vermutlich hinbekommt.
Der Marsch – Musik ohne Nachfolger?
Marschmusik ist dabei ein besonders interessantes Beispiel. Es gibt zahllose bekannte Märsche. Manche kennt man aus Militärmusik, andere aus Blaskapellen, Schützenfesten, Paraden oder aus der eigenen Kindheit. Aber wann haben wir zuletzt einen neuen Marsch-Hit erlebt?
Nicht einen historischen Titel.
Nicht eine Neuaufnahme.
Nicht ein Arrangement.
Sondern einen komplett neuen Marsch, bei dem jemand sagt: „Den muss ich unbedingt auf Spotify hören.“ Genau hier wird es interessant.
Denn technisch wäre ein Marsch für eine KI vermutlich kein besonders schwieriges Genre. Klare Rhythmik, definierte Instrumentierung, wiederkehrende Motive, Bläser, Schlagzeug – das ist für einen Algorithmus wahrscheinlich deutlich weniger mysteriös als ein menschlich wirkender Jazz-Soloauftritt. Das Problem ist also möglicherweise nicht die technische Machbarkeit. Das Problem lautet eher: Wer bestellt ihn?
Willkommen im musikalischen Niemandsland
Und der Marsch ist nicht allein. Es gibt eine ganze Reihe von Genres, bei denen man sich diese Frage stellen kann.
Jodelmusik
Die KI kann Stimmen erzeugen. Die KI kann Mehrstimmigkeit erzeugen. Die KI kann sogar vermutlich einen Text über Berge, Kühe und Sonnenuntergänge schreiben.
Aber wie viele Menschen sitzen tatsächlich vor ihrem Rechner und denken: „Heute möchte ich unbedingt einen völlig neuen Jodel-Hit produzieren“?
Vielleicht mehr als wir glauben. Vielleicht verstecken sie sich nur.
Schützenfest-Musik
Hier wird es besonders interessant. Denn Schützenfeste, Blasmusik und traditionelle Vereinsmusik haben regional durchaus ein großes Publikum.
Aber dieses Publikum taucht in den internationalen KI-Musikstatistiken vermutlich nicht besonders eindrucksvoll auf. Vielleicht wird also längst KI-Volksmusik produziert.
Nur heißt das Ergebnis anschließend nicht: „KI-Schützenfest-Hit“ sondern: „Organic European Brass Folk – Summer Festival Edition“.
Und schon ist das Problem gelöst.
Polka
Die Polka hat eigentlich beste Voraussetzungen für KI-Musik.
Klare Struktur.
Deutlicher Rhythmus.
Eingängige Melodien.
Akkordeon.
Bläser.
Tuba.
Und trotzdem wartet die Welt offenbar nicht sehnsüchtig auf den großen Polka-Durchbruch von 2026. Vielleicht ist die Polka einfach schon perfekt.
Warum etwas verbessern, das seit Jahrhunderten funktioniert?
Operette: eigentlich perfektes KI-Material
Noch kurioser wird es bei der Operette. Dramatische Geschichten, große Orchester, Liebeskummer, Verwechslungen, eingängige Melodien und übertriebene Emotionen. Das klingt eigentlich nach einem Genre, für das eine generative KI geradezu gebaut wurde.
Und trotzdem hört man wesentlich häufiger „Epic Cinematic Fantasy“ als „Neue Operette in drei Akten“. Vielleicht liegt es daran, dass niemand mehr einen dreistündigen KI-Upload braucht, wenn er eigentlich nur einen zweieinhalbminütigen Song für TikTok produzieren wollte.
Die große Undercover-Theorie
Und damit sind wir bei unserer Lieblingsthese: Vielleicht sind diese Genres gar nicht selten. Vielleicht verstecken sie sich nur.
Denn ein KI-Creator möchte möglicherweise lieber schreiben: „European Folk Fusion“ als: „Volksmusik“.
Lieber: „Cinematic Brass“ als: „Blasmusik“.
Lieber: „Traditional Acoustic Country“ als: „Musik für Leute, die beim Schützenfest die erste Reihe besetzen“.
Und aus dem Jodelsong wird: „Alpine Vocal Fusion“.
Das klingt gleich 300 Prozent moderner.
Die eigentliche Frage ist deshalb eine andere
Vielleicht sollten wir gar nicht versuchen herauszufinden, welches Genre die KI am wenigsten produziert. Dafür gibt es momentan schlicht keine verlässliche weltweite Statistik. Spannender wäre die Frage: Welche Genres werden von der KI technisch problemlos erzeugt, spielen aber in der aktuellen KI-Musikszene kaum eine Rolle?
Und da könnte sich tatsächlich eine ziemlich interessante Liste ergeben.
Marschmusik.
Jodeln.
Operette.
Schützenfest-Musik.
Traditionelle Volksmusik.
Polka.
Shantys.
Fanfarenmusik.
Vielleicht auch Karnevalsmusik.
Und spätestens bei „Neue Karnevalsmusik aus der KI“ stellt sich die entscheidende Frage: Kann künstliche Intelligenz überhaupt einen Refrain erzeugen, den 5.000 betrunkene Menschen nach dem zweiten Durchgang gemeinsam grölen können? Das wäre dann tatsächlich ein wissenschaftlich relevantes Forschungsprojekt.
Vielleicht ist die KI schon längst angekommen
Natürlich wäre es falsch, daraus zu schließen, dass diese Genres verschwunden wären. Im Gegenteil: Traditionelle Musik hat weiterhin ihre eigenen Szenen, Veranstaltungen, Vereine und Hörer. Nur funktioniert sie anders als die internationale Streaming- und Creator-Kultur.
Und genau deshalb könnte sie für die KI-Musikbranche interessant werden. Denn wenn die KI-Musikproduktion immer weiter wächst, dürfte irgendwann die Frage lauten: „Was wurde mit KI bisher eigentlich noch nicht gemacht?“
Und dann könnte plötzlich jemand auf die Idee kommen, einen komplett neuen Marsch zu produzieren. Oder einen Schützenfest-Hit. Oder eine Polka. Und vielleicht wird genau dieser Song anschließend millionenfach gestreamt. Und vielleicht sitzt gerade irgendwo schon ein KI-Musikcreator vor seinem Rechner. Er gibt den Prompt ein: „Böhmische Blasmusik. Fröhlich. Eingängig. Große Tuba. Akkordeon. Mitsingbarer Refrain. Bitte nicht nach KI klingen.“
Der Titel des Songs?
„Algorithmus im Bierzelt“.
Wir wären sofort dabei.
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