Leserbrief: Wie aus KI-Musik eine Künstleridentität entsteht

Unser Artikel über die neuen Möglichkeiten für KI-Music-Creator auf YouTube hat uns zu einer besonders spannenden Leserzuschrift geführt.

Leserbrief: Wie aus KI-Musik eine Künstleridentität entsteht

Unser Artikel über die neuen Möglichkeiten für KI-Music-Creator auf YouTube hat uns zu einer besonders spannenden Leserzuschrift geführt.

In seinem Leserbrief erzählt Stefan, wie KI seinen persönlichen kreativen Prozess verändert hat, warum Finn Richter für ihn eine Möglichkeit ist, eigene musikalische Vorstellungen umzusetzen, und wie aus einzelnen Songs nach und nach eine komplette Künstlerwelt entstanden ist – mit Alben, Singles, Videos, einer eigenen Bildsprache und sogar einem rund 65-minütigen fiktiven Clubkonzert.

Besonders interessant ist dabei sein Blick auf eine Frage, die auch in unserem Artikel eine Rolle spielt: Was macht aus KI-generierter Musik eigentlich ein eigenständiges Künstlerprojekt? Und wie schafft man es, aus Hörern eine echte Community zu entwickeln?

Wir finden, dass Stefans persönliche Erfahrungen diese Entwicklung sehr anschaulich machen. Deshalb veröffentlichen wir seinen Leserbrief hier – bewusst weitgehend im Original.

Der Leserbrief von Stefan Engel:

Hallo Carola,
ich habe gerade deinen Artikel über die neuen Möglichkeiten für KI-Music-Creator auf YouTube gelesen und mich darin an erstaunlich vielen Stellen wiedergefunden. Deshalb wollte ich dir einfach einmal schreiben und von meinen eigenen Erfahrungen berichten.
Vielleicht ist dabei interessant, warum ich überhaupt bei KI-Musik gelandet bin. Musik und insbesondere die Entstehung von Songs beschäftigen mich schon sehr lange. In den vergangenen rund 20 Jahren war ich immer wieder mit realen Sängerinnen und Sängern im Tonstudio, meistens etwa einmal im Jahr. Mehr war allein aus Kostengründen kaum möglich. Bereits damals habe ich für meine Produktionen ein eigenes kleines Musiklabel mit eigenem Labelcode gegründet – lange bevor KI-Musik überhaupt ein Thema war.
Ich selbst kann nicht singen und auch keine Noten lesen. Mein Schwerpunkt lag deshalb schon immer auf den Texten und der Entwicklung der Arrangements. Ich kam mit meinen Texten und musikalischen Vorstellungen ins Studio und habe dann gemeinsam mit dem Toningenieur daran gearbeitet, daraus den Song entstehen zu lassen, den ich im Kopf hatte.
Mit KI hat sich für mich plötzlich etwas Grundlegendes verändert. Zum ersten Mal konnte ich diesen kreativen Prozess weitgehend selbstständig zu Hause fortsetzen. Ich kann musikalische Ideen ausprobieren, Arrangements verändern, Dinge verwerfen und völlig neu anfangen – und das in einem Umfang, der bei klassischer Studioproduktion für mich finanziell gar nicht möglich gewesen wäre.
Genau daraus ist 2023 mein virtuelles deutschsprachiges Musikprojekt Finn Richter entstanden. Finn ist für mich deshalb nicht einfach eine virtuelle Figur, die geschaffen wurde, weil KI es inzwischen technisch möglich macht. Er gibt mir die Möglichkeit, meine eigenen musikalischen und künstlerischen Vorstellungen umzusetzen, obwohl ich selbst nicht derjenige sein kann, der diese Lieder singt und auf die Bühne bringt. Könnte ich selbst singen, hätte ich wahrscheinlich versucht, genau diese eigenen Lieder als Sänger zu präsentieren. Mit Finn habe ich dafür eine andere Ausdrucksform gefunden.
Die ersten Finn-Richter-Songs entstanden 2023, das erste Album erschien 2024. Inzwischen ist um Finn nach und nach eine eigene Künstlerwelt entstanden: mit Biografie und wiedererkennbarer Figur, einer möglichst konsistenten Stimme und Bildsprache, mehreren Alben und Singles, eigenen Coverwelten, Musikvideos und Shorts.
Die Songs entstehen dabei nicht nach dem Prinzip „Prompt rein – Song raus“. Ich entwickle Themen und Songideen, schreibe und überarbeite die Texte, probiere unterschiedliche musikalische Fassungen und Arrangements aus und entscheide sehr bewusst, welche Version tatsächlich zu Finn passt und veröffentlicht wird.
Inzwischen bin ich noch einen Schritt weitergegangen. Ich habe für Finn ein komplettes, rund 65-minütiges fiktives Clubkonzert entwickelt – mit Band, Moderationen zwischen den Songs, eigener Dramaturgie und einem ausgearbeiteten Bühnen-, Licht- und LED-Konzept. Veröffentlicht wird es als Audio-Mitschnitt mit passend inszenierten Standbildern, die das Konzert visuell begleiten. Dieses Konzert wird morgen Abend als YouTube-Premiere veröffentlicht:
Beim nächsten Album „Geschichtenerzähler“ möchte ich diese Künstleridentität noch stärker in den Mittelpunkt stellen. Die Songs erzählen unterschiedliche Geschichten und sollen Finn als Künstlerfigur weiterentwickeln.
Deshalb fand ich deinen Gedanken der eigenen Künstleridentität in deinem Artikel besonders spannend. Genau darin sehe ich einen wesentlichen Unterschied zwischen einem kreativen KI-Musikprojekt und dem bloßen massenhaften Veröffentlichen generierter Songs. Die KI-Werkzeuge werden sich vermutlich ständig verändern. Die künstlerische Identität eines Projekts sollte aber unabhängig davon bestehen bleiben.
Einen Punkt aus deinem Artikel empfinde ich allerdings als die vielleicht größte Herausforderung: eine wirkliche Community aufzubauen.
Mit KI kann man heute erstaunlich viel erschaffen und eine ziemlich umfassende Künstlerwelt entwickeln. Aber daraus folgt noch lange nicht, dass Menschen diese Welt entdecken, wiederkommen, kommentieren und irgendwann eine Beziehung zu dieser virtuellen Künstlerfigur aufbauen. Gerade bei einem noch kleinen Projekt erlebe ich den Schritt von „Jemand hört einen Song“ zu „Jemand interessiert sich für den Künstler und möchte wissen, was als Nächstes kommt“ als ausgesprochen schwierig. Vielleicht ist das inzwischen sogar die größere Herausforderung als die eigentliche Produktion.
Dein Artikel hat bei mir deshalb einen Nerv getroffen. Vieles von dem, was du als mögliche Entwicklung für KI-Music-Creator beschreibst, versuche ich mit Finn bereits umzusetzen – und gleichzeitig merke ich dabei sehr deutlich, wo die Schwierigkeiten liegen.
Vielleicht ist Finn Richter für dich ja einmal ein interessantes Praxisbeispiel für diese Entwicklung. Ich würde mich jedenfalls sehr über einen Austausch mit dir freuen.
Viele Grüße aus Hamburg

So, liebe Leser, wer Interesse an diesem Thema hat, sollte sich die Premiere morgen nicht entgehen lassen!

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