Da ist der Wurm drin

Wie man den perfekten Ohrwurm baut – und ihn danach selbst nicht mehr loswird

Da ist der Wurm drin

Es gibt Songs, die hören wir einmal und vergessen sie sofort. Und dann gibt es diese anderen. Man hört sie morgens im Radio. Drei Stunden später sitzt man im Auto und summt den Refrain. Abends beim Zähneputzen ist er wieder da. Am nächsten Morgen wacht man auf und stellt fest: Der Song ist immer noch da.

Herzlichen Glückwunsch. Du hast einen Ohrwurm.

Aber wie produziert man eigentlich einen? Und kann künstliche Intelligenz das vielleicht inzwischen besser als wir?

Zutaten für einen musikalischen Parasiten

Die gute Nachricht zuerst: Einen Ohrwurm zu schreiben ist grundsätzlich keine Raketenwissenschaft. Man braucht vermutlich:

  • eine möglichst einfache Melodie,

  • einen leicht verständlichen Rhythmus,

  • einen Refrain, den man beim ersten Hören mitsingen kann,

  • möglichst wenige Wörter,

  • und eine gehörige Portion Wiederholung.

Die schlechte Nachricht: Genau das versuchen seit Jahrzehnten Millionen Songwriter. Und trotzdem bleiben die meisten Songs nach dem Abspielen dort, wo sie hingehören: im digitalen Nirwana. Der Unterschied zwischen „eingängig“ und „geht mir seit sechs Stunden auf die Nerven“ ist offenbar erstaunlich klein.

Regel Nummer eins: Wiederholen, wiederholen, wiederholen

Wenn eine Melodie beim ersten Hören nicht hängen bleibt, gibt es eine bewährte Methode: Man spielt sie noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal.

Und wenn der Hörer danach immer noch nicht mitsingt, wiederholt man einfach den Refrain. Das funktioniert nicht nur bei Popsongs. Auch Werbung hat dieses Prinzip seit Jahrzehnten perfektioniert.

„Ding Dong.“

„Ding Dong.“

„Ding Dong.“

Nach zehn Jahren weiß niemand mehr, wann er den Song gehört hat. Aber jeder weiß noch: Ding Dong. Der menschliche Kopf ist offenbar ein ziemlich schlechter Spamfilter.

Regel Nummer zwei: Der Refrain darf nicht zu kompliziert sein

Ein guter Ohrwurm braucht keine musikalische Doktorarbeit. Im Gegenteil. Wenn der Refrain sieben Tonarten durchquert, zwölf Akkordwechsel enthält und textlich die existenzielle Krise eines postmodernen Großstadtmenschen verarbeitet, ist das vielleicht große Kunst.

Aber vermutlich kein Ohrwurm. Ein Ohrwurm braucht etwas, das das Gehirn schnell speichern kann. Idealerweise: kurz, klar, wiederholbar. Und wenn man dazu noch einen Text findet, den selbst jemand nach zwei Bier noch mitsingen kann, nähert man sich gefährlich dem Ziel.

Regel Nummer drei: Mach es ein bisschen nervig

Hier wird es interessant.

Denn der perfekte Ohrwurm ist nicht unbedingt der Song, den man am liebsten hört. Es ist der Song, den man nicht mehr loswird. Das ist ein wichtiger Unterschied. Der Song muss also offenbar irgendwo zwischen „gefällt mir“ und „bitte hör endlich auf“ liegen. Eine musikalische Mücke. Man hört sie nicht unbedingt gerne. Aber man hört sie. Immer.

Und jetzt kommt die KI

Eigentlich müsste das für künstliche Intelligenz ein Heimspiel sein. Denn was ist ein Ohrwurm?

Muster.

Wiederholung.

Einfache Strukturen.

Erwartbare Harmonien.

Eingängige Melodien.

Alles Dinge, mit denen generative Musiksysteme hervorragend umgehen können. Also machen wir den Test. Wir geben der KI einen simplen Auftrag:

„Schreibe einen extrem eingängigen Popsong. Der Refrain soll nach einmaligem Hören im Kopf bleiben.“

Die KI liefert. Wir hören. Gar nicht schlecht.

Noch einmal.

Immer noch gut.

Nach dem dritten Durchlauf passiert etwas Merkwürdiges. Wir ertappen uns dabei, wie wir den Refrain mitsingen. Da ist der Wurm drin.

Aber warum ausgerechnet dieser Song?

Und hier wird es wissenschaftlich – zumindest ein bisschen. Musikforscher beschäftigen sich schon lange mit sogenannten Involuntary Musical Imagery – also dem Phänomen, dass sich Musikstücke oder Melodieteile unwillkürlich im Kopf wiederholen. Umgangssprachlich: Ohrwurm.

Besonders anfällig sind offenbar kurze, melodisch auffällige und vertraute musikalische Muster. Und auch der Kontext spielt eine Rolle. Ein Song kann sich besonders gut festsetzen, wenn er an etwas erinnert, das wir gerade erlebt haben. Deshalb kann ein vollkommen mittelmäßiger Song plötzlich zum persönlichen Ohrwurm werden.

Manchmal reicht schon: ein Urlaub, ein Werbespot, ein Mensch, ein Sommerabend. Und schon ist der Wurm eingezogen.

Der ultimative Test

Doch wie findet man heraus, ob ein KI-Song tatsächlich einen Ohrwurm erzeugt?

Ganz einfach.

Man hört ihn.

Dann macht man etwas anderes.

Nach einer Stunde fragt man sich: „Wie ging nochmal der Refrain?“

Wenn man ihn nicht mehr weiß:

Durchgefallen.

Wenn man ihn noch weiß:

Interessant.

Wenn man ihn singt, obwohl man es gar nicht möchte: Treffer. Wenn man ihn am nächsten Morgen beim Aufwachen singt: Wir haben ein Problem.

Der gefährlichste Test: der IKEA-Test

Wir schlagen deshalb eine neue wissenschaftliche Messmethode vor: Den IKEA-Test.

Man hört den Song.

Dann geht man in ein Möbelhaus.

Dort verbringt man drei Stunden zwischen Billy-Regalen, Küchenfronten und Menschen, die verzweifelt nach dem Ausgang suchen. Wenn man beim Verlassen des Gebäudes immer noch den Refrain im Kopf hat: Ohrwurm bestätigt.

Die Methode ist selbstverständlich wissenschaftlich nicht anerkannt. Aber sehr praxisnah.

Und dann gibt es noch die Königsdisziplin

Der ultimative Ohrwurm ist nicht der, den man selbst gerne hört. Es ist der, den andere Menschen mitsingen. Das ist der Moment, in dem aus einem Ohrwurm ein Hit wird. Und genau hier wird es für KI interessant. Denn die Maschine kann einen eingängigen Refrain erzeugen. Sie kann Wiederholungen einbauen. Sie kann einfache Melodien konstruieren.

Aber kann sie etwas erschaffen, das Millionen Menschen freiwillig weitergeben?

Kann sie einen Refrain schreiben, der plötzlich auf Partys, in Stadien und unter der Dusche auftaucht?

Kann sie den musikalischen Wurm so tief in unsere Köpfe setzen, dass wir ihn an unsere Freunde weiterreichen?

Vielleicht ist das die eigentliche Challenge

Wir sollten der KI nicht einfach sagen: „Mach einen guten Song.“ Das ist viel zu einfach. Wir sollten sagen: „Mach einen Song, den wir morgen noch im Kopf haben.“ Und dann testen wir ihn.

Vielleicht entsteht dabei der nächste große Hit. Vielleicht entsteht aber auch etwas viel Gefährlicheres:

Ein Song, den niemand mag. Aber alle kennen.

Und spätestens dann wissen wir:

Da ist der Wurm drin. 🪱

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