„Support Real Artists“ – aber wer kassiert?

Die neue Anti-KI-Kampagne von Unreleased trifft einen Nerv. Unreleased zufolge mehr als 100 Musiker:innen stellen sich hinter die Forderung, menschliche Kreativität gegenüber der wachsenden Flut generativer Musik zu schützen. Und tatsächlich hat die Branche ein Problem: KI-Systeme können inzwischen in Sekunden komplette Songs erzeugen, während gleichzeitig die Frage nach Training, Urheberrecht, Stimmen, Vergütung und Transparenz längst nicht abschließend geklärt ist.

„Support Real Artists“ – aber wer kassiert?

Die neue Anti-KI-Kampagne von Unreleased trifft einen Nerv. Unreleased zufolge mehr als 100 Musiker:innen stellen sich hinter die Forderung, menschliche Kreativität gegenüber der wachsenden Flut generativer Musik zu schützen. Und tatsächlich hat die Branche ein Problem: KI-Systeme können inzwischen in Sekunden komplette Songs erzeugen, während gleichzeitig die Frage nach Training, Urheberrecht, Stimmen, Vergütung und Transparenz längst nicht abschließend geklärt ist.

Doch die Debatte könnte größer sein als die einfache Gegenüberstellung von „echter Musik“ und „KI-Musik“. Denn die entscheidende Frage lautet: Wer wird am Ende von der neuen Technologie profitieren? KI ist nicht das eigentliche Problem Es wäre zu einfach, KI grundsätzlich zum Feind der Musiker:innen zu erklären. Technologie hat Musik immer verändert. Sampler, Drumcomputer, Autotune oder digitale Produktion haben kreative Prozesse nicht abgeschafft, sondern erweitert.

Auch generative KI kann ein Werkzeug sein. Ein Produzent kann damit Ideen entwickeln, Sounds ausprobieren oder Produktionsprozesse beschleunigen. Entscheidend ist deshalb nicht, ob KI eingesetzt wird, sondern unter welchen Bedingungen. Die Musikindustrie beginnt genau diese Unterscheidung inzwischen institutionell festzuschreiben. Ein branchenweiter Vorschlag unterscheidet beispielsweise zwischen „AI-Generated“ und „AI-Assisted“. Gleichzeitig haben große Labels Kriterien für die Chartfähigkeit KI-gestützter Musik vorgeschlagen. Das klingt zunächst vernünftig. Aber es verschiebt die Debatte auf eine zweite Ebene.

Wem gehört die Kreativität?

Denn die großen Musikunternehmen stehen längst nicht nur auf der Seite derjenigen, die KI kritisch sehen. Sie verhandeln gleichzeitig mit KI-Unternehmen über Lizenzen, Kataloge und neue Geschäftsmodelle. Genau hier wird es interessant.

Wenn ein Label über einen riesigen Musikkatalog verfügt, besitzt es einen erheblichen wirtschaftlichen Hebel. Dieser Katalog kann künftig nicht nur über Streaming, Downloads oder Synchronisation monetarisiert werden, sondern möglicherweise auch über KI-Training, generative Anwendungen, Stimmen, Stile und neue Formen digitaler Musik.

Damit entsteht ein neues Szenario:

Die Künstler:innen liefern weiterhin die kreative Grundlage – aber die Labels könnten versuchen, die Kontrolle über die daraus entstehende KI-Wertschöpfung zu übernehmen. Dass diese Sorge nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigt die aktuelle Debatte um AI-Verträge. Künstlerverbände fordern ausdrücklich direkte Zustimmung, faire Vergütung und Transparenz bei entsprechenden Vereinbarungen. Es gibt zudem Vorwürfe, dass Musiker:innen bei bestehenden Verträgen teilweise in KI-Nutzungen einbezogen werden könnten, ohne ausreichend mitentscheiden zu können. 

Die Gefahr eines neuen Gatekeepers

Das Paradoxe daran: KI könnte die Macht der Labels eigentlich schwächen. Ein:e Musiker:in braucht heute weniger teure Infrastruktur, um einen Song zu produzieren. Produktion, Artwork, Marketing und teilweise sogar Promotion lassen sich mit digitalen Werkzeugen erheblich günstiger organisieren. Theoretisch könnte dadurch eine neue Generation unabhängiger Künstler:innen entstehen. Doch genau diese Demokratisierung könnte wiederum eine Gegenbewegung auslösen. Wer die relevanten Rechte, Kataloge, Plattformbeziehungen und Daten kontrolliert, kann auch in einer KI-Welt zum Gatekeeper werden.

Die Frage ist deshalb nicht nur, ob KI menschliche Musiker:innen verdrängt.Die viel größere Frage ist, ob KI die Abhängigkeit von den bisherigen Machtstrukturen tatsächlich reduziert – oder sie nur auf eine neue Ebene hebt.

„Support Real Artists“ muss deshalb weiter gedacht werden

Die Forderung nach Schutz menschlicher Kreativität ist richtig. Aber sie darf nicht dazu führen, dass am Ende lediglich die bestehenden Geschäftsmodelle der Musikindustrie geschützt werden. Ein wirklich künstlerfreundliches KI-Modell müsste mindestens vier Dinge garantieren:

Zustimmung. Künstler:innen müssen selbst entscheiden können, ob und wie ihre Werke, Stimmen oder Identitäten für KI verwendet werden.

Transparenz. Es muss nachvollziehbar sein, welche Werke in welchen Systemen verwendet werden und welche wirtschaftlichen Vereinbarungen dahinterstehen.

Faire Beteiligung. Wenn mit der kreativen Arbeit eines Menschen neue KI-Umsätze entstehen, muss dieser Mensch unmittelbar und angemessen daran beteiligt werden.

Wahlfreiheit. Künstler:innen sollten sowohl die Möglichkeit haben, KI zu nutzen, als auch die Möglichkeit, sie abzulehnen.

Dass solche Modelle möglich sind, zeigt sich bereits. So bietet etwa die Partnerschaft von Symphonic Distribution und Sureel AI Künstler:innen und Rechteinhabern die Möglichkeit, ihre Werke freiwillig für lizenzierte KI-Datensätze freizugeben und an daraus entstehenden Einnahmen beteiligt zu werden. 
Das ist ein wichtiger Unterschied: KI-Nutzung muss nicht zwangsläufig Enteignung bedeuten.

Der eigentliche Kampf beginnt erst

Die aktuelle Anti-KI-Bewegung ist deshalb möglicherweise weniger das Ende einer Entwicklung als deren Anfang. Die Musikindustrie wird sich in den kommenden Jahren daran gewöhnen müssen, dass KI ein Bestandteil der Produktion sein wird. Die entscheidende Auseinandersetzung wird nicht darüber geführt werden, ob diese Technologie verschwindet. Das wird sie vermutlich nicht.

Gestritten wird vielmehr um Rechte, Kontrolle und Geld.

Und genau hier sollten Künstler:innen besonders aufmerksam sein. Denn es wäre eine bittere Ironie, wenn die Musikbranche unter dem Banner des Schutzes menschlicher Kreativität eine neue KI-Ökonomie aufbaut, in der am Ende wieder diejenigen den größten Anteil bekommen, die schon heute die meisten Rechte und Vertriebskanäle kontrollieren.

„Support Real Artists“ sollte deshalb nicht nur bedeuten: Schützt menschliche Musik vor KI.

Es sollte auch bedeuten: Gebt den Menschen, deren Kreativität diese Industrie überhaupt erst möglich macht, die Kontrolle über die nächste Ära der Musik.

Quellen & weiterführende Informationen

  • Sony Music Entertainment / Music Community: Informationen zur Einführung von Kennzeichnungen für KI-generierte bzw. KI-unterstützte Musik.
  • Los Angeles Times: Zur Forderung von Künstlerorganisationen nach Zustimmung, Transparenz und fairer Vergütung bei KI-Nutzungen.
  • Warner Music Group / Sureel AI / Symphonic Distribution: Beispiel für ein freiwilliges Lizenzierungsmodell, bei dem Künstler:innen an KI-bezogenen Einnahmen beteiligt werden sollen.
  • Reuters: Aktuelle rechtliche Auseinandersetzungen um das Training von KI-Musiksystemen mit urheberrechtlich geschütztem Material.
  • The Verge: Zum aktuellen Vorschlag großer Labels für den Umgang mit KI-Musik in den offiziellen Charts.

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